Samstag, 24. Mai 2014

Oo Chapter 6 oO Drowning in Tears

Langsam hielt der alte Wagen und Mo öffnete die Beifahrertür nach dem er selbst aus dem Auto gestiegen war.Sie waren nicht ganz eine Stunde gefahren und unterwegs hat Morris noch einmal bei einer Tankstelle gehalten um etwas zu Trinken zu kaufen. Er hatte zwar nicht das Geld dafür, aber es machte ihm nichts aus. Vivienne stieg aus und der Tattoowierte schloss, nachdem er eine Decke aus dem Auto geholt hatte, den Wagen ab. "Ich dachte mir, ein wenig andere Luft tut mal ganz gut". Auf seinen Lippen zeichnete sich ein Grinsen ab und er steckte die Hände in seine Taschen, wirkte fast wie ein kleiner Junge der vor dem Eingang zum Disney Land stand. "Hier ist nie viel los, da kann man echt gut einfach mal den Kopf frei bekommen". Der Wind spielte mit den dunklen Haaren des Jungen und er ging einige Schritte voraus. "Und das Meer ist einfach so riesig...." Er liebte das Meer. Es war als wäre es sein Meer. Sein sicherer Ort. In der Nähe des Wassers legte er die Decke ab und setzte sich darauf. Das Rauschen des Meeres klang wie Wind der durch Äste wehte.



Viviennes Bauch kribbelte bei der Vorstellung,sie würde endlich mal das Meer sehen. Auch wenn es nur eine Stunde entfernt war,so hatte sie nie die Gelegenheit oder Zeit gehabt,einfach mal -so wie jetzt- alles hinter sich zu lassen und abzuhauen. Auf ihr lastete immer viel Verantwortung. Sei es in der Schule, oder daheim bei ihrem Vater. Es gab keine Mutter in ihrem Leben,welche sich um gewisse Aufgaben kümmerte. Sie erinnerte sich peinlich berührt daran,als ihr Vater ihr erklären musste,warum ihre Unterhose auf einmal voller Blut war. Sie hatte bitterlich geweint und in der Schule war es erst ein Jahr später Thema gewesen. Sie war stets eine strebsame Schülerin,hatte nie daran gedacht ihrer Verantwortung einfach mal aus dem Weg zu gehen. Und heute tat sie es,mit Mo. Das Meer kam in unmittelbare Nähe und sie wurde richtig hibbelig.
Der Schwarhaarige öffnete ihr die Tür und sie sprang fast aus dem Auto,ohne zu bedenken,dass ihre Knie noch ganz zittrig waren vom Schock. Sie sackte kurz ein,konnte sich aber an der Tür halten. Sie konnte nicht aufhören auf das blaue Wasser zu starren. Sie ging einfach Richtung Strand, da wo das Wasser auf den Sand prallte. Sie atmete tief ein und lies sich den salzigen Wind durch die Haare fliegen. Es war so wunderschön hier. Sie genoss es so sehr,dass sie ganz vergaß,sich mit Mo zu unterhalten. Doch sie genoss diese friedliche Stille hier. Vivi setzte sich neben ihn auf die Decke und zündete sich eine Kippe an. "Wow.",raunte sie in Mos Richtung.


Mo beobachtete den Rotschopf grinsend. Sie war so unglaublich frei in diesem Moment,dass das Meer für einen Augenblick in den Hintergrund rückte. Warum Vivienne sich immer so verstellte, er konnte es nicht begreifen. Sie war so viel schöner, so unbeschwert, wenn sie nicht dauernd daran dachte perfekt zu sein. Musste sie auch nicht. Perfektion war in den Augen des Tattoowierten etwas, das ohne hin nie greifbar war, langweilig und uninteressant. Waren es doch die kleinen Fehler an Menschen die ihn anzogen. Menschen erst einzigartig machten. Aber Vivienne schien so gefangen zu sein, in dem Druck etwas zu sein, für alle anderen, dass sie sich dabei vergaß. Das Mädchen rannte schon fast zum Wasser und Morris lehnte sich etwas zurück. Es störte ihn nicht, das sie nicht miteinander redeten, das musste man hier auch nicht. Sie schien das erste Mal hier zu sein. Vivi setzte sich schlussendlich zu Morris und brachte ein 'Wow' heraus, während Mo sich wieder etwas aufrechter setzte und seine Beine mit seinen Armen umschlang. Der Wind wehte ihm ins Gesicht, und der Geruch des Meeres legte sich über seine Sinne. Dieser Moment war es wert, eingefroren zu werden, nur damit man ihn sich immer wieder ansehen und es fühlen konnte. "Es ist schön hier nicht?" Er lächelte, sah verträumt und doch etwas wehmütig in die Ferne. "Ich bin immer hier wenn mir alles zu viel wird. Hier kannst du alles einfach mal loslassen, hier ist es scheiß egal ob du Schülersprecherin bist, oder irgendein Punk von der Straße. Dem Meer ist das egal. Es ist einfach nur da und leistet dir Gesellschaft". Ein Satz der so tief aus Morris Herz kam, dass er nicht einen Moment darüber nachdachte wie dumm und naiv es vielleicht klang. 



Morris' Worte berührten Vivienne sehr. Sie sah ihr Nebenan nun direkt ins Gesicht. "Das hast du unglaublich schön gesagt. Ich wusste nicht,dass es auch eine solche Seite an dir gibt." Die Ironie der Situation war unverkennbar. Welche Seite kannte sie schon an Mo. "Hab vielen Dank",wisperte sie zu ihm. Sie fühlte sich geborgen und frei. Wie schaffte Mo es,ihr so etwas zu vermitteln? Sie zog an ihrer Zigarette und setzte sich dann so,dass sie das Meer gut sehen konnte,aber auch Mo anschauen konnte. "Wo hast du das Veilchen her? Das muss doch höllisch weh tun.". Sie lehnte ihren Kopf auf ihre Knie und betrachtete den hübschen Jungen, der allein vom Äußerlichen so anders war als Sebastian. Schnell verdrängte sie den Gedanken an diesen Bastard. Seine Haare hingen ihm wieder so ins Gesicht und Vivi konnte nicht anders,als ihre Hand seinem Gesicht zu nähern und die Haare behutsam aus seinem Blickfeld zu streichen,so wie er es vorhin bei ihr auf dem Schulhof gemacht hatte. Sie war noch so peinlich berührt von der ganzen Story,dass sie noch kein Danke herausbrachte. Aber das würde sie,sobald sie bereit war.


Der Tattoowierte lächelte etwas. "Manchmal hab ich so meine hellen Momente". Im Grunde war er meistens so. Diese Seite an ihm, die doch so viel von ihm ausmachte, hatte er nur gelernt, gut zu verstecken. Vivienne war nicht die Einzige, die Masken trug. Doch wer tat das nicht? Wer setzte nicht jeden Tag eine Maske auf, sobald er aus dem Haus ging? Es war eben nur eine Sache des Ablegens. Wann man die Masken ablegte, und den Moment nicht zu verpassen, sich dem richtigen Menschen zu öffnen. "Dafür nicht",winkte der Junge dann den Dank ab und zuckte leicht mit den Schultern. Vielleicht war es ja vergeudete Mühe, doch er hatte diesen festen Glauben daran, Vivienne dadurch vielleicht ein wenig Sonne in ihre oft so ernst scheinenden Gedanken bringen zu können, und das tat er gerne. Auch Mo kramte, wie immer, eine Zigarette aus dem Softpack in seiner Hosentasche und zündete sie an, inhalierte den blauen Dunst der die Lunge verklebte. Als Vivienne dann das blaue Augen ansprach verschwand das Lächeln einen Moment aus dem Gesicht des Jungen und hinterließ einen fast schon bitteren Ausdruck, den er doch recht schnell wieder gekonnt mit einem neuen Lächeln und einem Schulterzucken überdeckte. "Es gibt da ein paar Typen die nicht grade meine größten Fans sind. Die sind im Club gewesen wo ich arbeite, Eins gab das Andere, naja. Das ist das Ergebnis". Er deutete kurz auf das Veilchen und sah dann wieder aufs Meer. "Aber das ist nicht so wild, heilt ja wieder...". Es war schließlich nichts, was er nicht schon kannte. Als er noch auf die Schule dieser Jugendlichen ging, sah er jeden Tag ähnlich aus. Es war schon etwas wie trauriger Alltag, behandelt zu werden als sei man nichts wert. Selbst seine Eltern machten da keinen Unterschied.  Die Hand des Rotschopfes strich ihm die Strähnen aus dem Gesicht und kurz zuckte er zusammen, wich etwas weg. Es war als fürchte er, wenn sie ihn anfasste, würde sie merken, dass er Anders war. Stumm legte er sein Kinn auf seinen angewinkelten Knien ab, die Haare fielen ihm wieder ins Gesicht, sodass man es kaum sehen konnte. Morris wechselte seine Masken im Minutentakt, doch manchmal, in Momenten wie diesen, schien er nicht recht zu wissen welche Maske er nun nutzen sollte, welche die Richtige war, also gab er kurze Augenblicke sein eigentliches Ich preis, das nicht weniger unsicher und mit Trauer gezeichnet war, als das der Rothaarigen. Und für einen Moment wirkte der sonst doch recht vorlaute junge Mann wie ein Kind, das in seinem Zimmer auf dem Bett saß, nach dem es erfahren hatte, das die Oma nicht mehr zum Weihnachtsfest kommt. Der blaue Qualm der Zigarette legte sich um die Köpfe der beiden. "Wieso bist du eigentlich mit diesem Gorilla zusammen...?". Eine Frage, die aus ihm heraus platzte- während sein Blick auf dem Sand vor ihm ruhte- die er allerdings schnell wieder bereute. "Ah Shit! Sorry, das geht mich eigentlich gar nichts an, manchmal quatsch ich echt ohne zu denken". Natürlich interessierte es ihn, warum Vivienne an Sebastian hing. Allerdings hatte er nicht geplant so plump zu fragen.


In nur wenigen Sekunden ist so viel passiert. Doch für Vivi lief es alles in Zeitlupe ab. Morris' Gesichtsausdruck, welcher nur einen Augenblick härtere Züge annahm, sein Zusammenzucken, das darauf folgende Ausweichen, die Ungewissheit. Die Rothaarige war sich nicht sicher, ob sie das alles richtig deutete, doch in Mo musste das Meer gerade toben, auch wenn es hier draußen ruhig war. Ein erschrockener Ausdruck legte sich auf ihr eigenes Gesicht, als Mo ihrer Berührung auswich. Sie war ihm also merklich zu nah gekommen. Ihr Hand mit der anderen Hand auf dem Brustbein festhaltend nuschelte sie ein "Tut mir leid" hervor. Sie wunderte sich, wieso man gleich handgreiflich werden musste, wenn man jemanden einfach nicht leiden konnte, aber dann fielen ihr all die Gräueltaten ein, welche ihre Clique immer begonnen hatte, wenn ein Mitschüler vielleicht einfach nur einen hässlichen Schal trug. Mehr zum Meer als zu Mo sagte Vivi dann: " Warum müssen Menschen so sein?". Die Frage, warum Vivi noch mit Sebastian zusammen war,wunderte sie wenig. Monoton antwortete sie: " Ich habe ihn geliebt,vergöttert. Auf ein Podest gehoben welches er nicht verdient hat. Er sah gut aus,war beliebt. Alle mochten ihn, ich hoffte, sie würden auch mich dann mögen. Manchmal braucht es nur ein Lächeln zum Nichtaufgeben. Auch wenn es ein falsches Lächeln war. Er hat mir sein Lächeln gegeben.". Wehmütig seufzte sie und man merkte, dass sie innerlich mit Sebastian Sturm abgeschlossen hatte, denn dieser ist wie ein überdimensional großer Sturm durch ihr Herz geprescht und hat es zerfetzt. Aber dank Mo fühlte sie sich freier. "Doch du gibst mir gerade so viel mehr." 



Der Blick des Tattoowierten lag noch immer auf dem Sand vor seinen Füßen. Er lauschte Viviennes Worten. Warum Menschen so waren? Vielleicht weil sie mit der Zeit die Gabe der Empathie verlernt hatten, es nur darum ging gut zu sein, viel Geld zu verdienen und in das allgemeine Bild zu passen. Platz für Menschlichkeit war dort kaum noch. Dass Vivienne selbst mit Menschen ihre Zeit verbrachte, die andere Menschen würdelos und verachtend behandelten... Morris schob den Gedanken so weit weg,wie er nur konnte. Sie war anders als diese Leute. Doch sicher hatte auch sie oft weg gesehen. Ein Gedanke der sich immer wieder kurz an die Oberfläche fraß. Ob sie daneben gestanden hatte? Stumm, während ihre 'Freunde' einen anderen Menschen leiden ließen? Ob sie gelacht hatte?
Der Rotschopf beantwortete tatsächlich die doch recht taktlose Frage über ihren Freund und Morris sah zu ihr rüber. "Sein Lächeln von anderen Menschen abhängig zu machen ist ziemlich ungesund". Er hob eine kleine Muschel aus dem Sand und seine Finger begannen damit herum zu spielen. "Wenn man immer darauf baut, dass andere einem Glück schenken ist man schnell abhängig..." Dass Sebastian beliebt war - Mo sah das etwas anders. Die meisten schienen Angst vor dem Jungen zu haben, und die Mädchen mochten ihn, weil er ihnen einen Status schenken konnte. Nichts was auch nur im Ansatz erstrebenswert war. Dass Mo der Rothaarigen mehr gab freute ihn, dennoch kam er nicht umhin, diese Aussage wie alles positive was man ihm sagte anzuzweifeln. "Ich mach doch eigentlich nicht wirklich was? Und kennen tust du mich auch kaum?" Ein kleines Grinsen legte sich auf seine Lippen gefolgt von einem kurzen Lachen. "Ich könnt auch 'n komplett Irrer sein, der dir einfach nur 'ne astreine Gehirnwäsche verpasst... nein mal im Ernst, es freut mich wenn du das Gefühl hast, dass ich dir etwas geben kann". Und da war er wieder, der alte vorlaute Morris der immer wie ein kleiner Junge wirkte, der dauernd irgend etwas ausgefressen hatte.


Der kleine Schwarzhaarige wirkte so nachdenklich. Warum erging es ihm nicht so wie ihr? Er sah nicht sehr befreit aus und dieses Bild, welches er gerade von sich zeigte passte auch nicht mit seiner Beschreibung überein, welche er ihr lieferte,über ihn und das Meer. Als Mo so abwertend über sich und seine Vorhaben sprach, wurde ihr ganz anders. So etwas wie Wut keimte ihn ihr auf, da sie nicht merkte, dass Mo sich nur einen Spaß erlaubte. Erleichtert seufzte sie. Doch recht hatte er- Vivi vertraute ihm fast blind.
Vivienne rückte auf der Decke näher zu ihm heran. Die Meeresluft war doch etwas kühler und ohne Jacke wurde es frisch um die nackten Arme. "Magst du es nicht,wenn man dich anfasst?" fragte sie und hob erneut ihre Hand. Sie wollte ihm einfach durch die wilden Haare streichen,überlegte es sich jedoch anders und legte sie wieder auf die Decke. Irgendwas zog sie an Mo an. Sie wusste nicht was es war -vielleicht das Gefühl von Geborgenheit, das Gefühl besonders zu sein- oder einfach seine Freundlichkeit. Aber da wäre sie schön dumm gewesen, wenn sie sich umgarnen ließe, nur weil jemand nett zu ihr war. Ihr Hand rückte unmerklich immer mehr in seine Richtung. Sie wollte ihn unbedingt berühren,fühlen,ob seine Haut warm war. Sie flüsterte,gerade noch so laut,dass man es zwischen den Wellen hören konnte: " Ich mach mich wohl gerade auch von deinem Lächeln abhängig.".



Der Rotschopf rückte etwas näher zu Morris heran, wahrscheinlich war ihr Kalt, schließlich wurde es doch langsam kühl und am Wasser wehte der Wind immer stärker. Wortlos zog der kleinere sich seinen Mantel aus und legte Vivienne den Stoff über. Durch seine doch recht dünne Statur neigte er zwar auch eher dazu, schneller zu frösteln, doch durch den engen Abbinder unter seinem Shirt konnte die kalte Luft nicht ganz so schnell kriechen. Vivienne fragte ihn, ob er nicht gern angefasst wurde und einen kurzen Moment musste er überlegen. Sicher mochte er es, aber da war eben auch diese Angst in ihm, die er nie ganz aus sich heraus bekommen konnte. "Wenn man mich vorwarnt... naja... wenn ich sehe das man mich anfassen will dann habe ich kein Problem damit..." Der Blick,welcher bis eben noch auf Vivienne lag, glitt wieder auf dass Meer. "Ich mag's nur nicht unerwartet angefasst zu werden" Mo setzte sich in den Schneidersitz und Stützte sich etwas auf seinen Armen ab, das er fast lag. Das Viviennes Hand ihm etwas näher kam blieb ihm, wahrscheinlich ohne das sie es wollte, nicht verborgen. Den Blick nicht vom Meer abwendend doch mit einem leichten, kaum erkennbarem lächeln legte sich seine Hand auf ihre, und der Wind spielte wieder mit ihren Haaren. "Wie schon gesagt, es ist ungesund sich davon abhängig zu machen" Das Lächeln was bis eben noch kaum sichtbar war, erhellte nun die Miene des Jungen. "Allerdings... zu meinem Bedauern hatte ich schon immer einen Hang zu allem was Ungesund ist" Am Strand brach eine Welle und Morris Gedanken waren wirrer als zuvor und doch hatte er nicht einen Moment das Bedürfnis sie zu ordnen.


"Oh,hab vielen Dank. Wie aufmerksam von dir...",dankend nahm Vivienne Mos ausgefallenen Mantel an und zog ihn eng an ihren Körper. Die Buttons störten sie dabei nicht. Der Duft des Anderen stieg ihr in die Nase und sie konnte nicht glauben wie gut Mo roch. Es war eine ganz eigene Note gemischt mit dem Geruch von kaltem Rauch. Sie schloss die Augen und genoss das Geräusch welches die Brandung machte,wenn die Wellen auf Sand stießen. Vivienne lauschte auch Mo,welcher ihr erklärte,wann er Angefasstwerden tolerierte und wann nicht. Und ganz plötzlich lag seine Hand auf ihrer. Sie riss die Augen auf und blickte zu den Händen runter und anschließend in Mos Gesicht. Sie errötete und ihre Ohren fühlten sich heiß an. So etwas hatte Vivienne bei keiner Berührung von Sebastian jemals gefühlt. Als Morris ihr dann durch die Blume sagte,dass ihr Lächeln für ihn auch von Bedeutung war,lies sie sich kichernd nach hinten auf die Decke fallen. Sie drückte seine Hand leicht. Er war wärmer als sie und seine Hände waren auch weicher als sie erwartet hätte,bei der Arbeit die er im Club machen musste. Nun lagen sie beide da und starrten ins Leere. Vivienne hob beide Hände an -ihre und Mos- und fragte unsicher : "Und das hier ist okay?".



Morris beobachtete Viviennes Bewegungen. Er hatte zuvor noch nie eine solche Situation erleben dürfen, meist weil er zu schnell aus solchen Momenten flüchtete und sich damit viel verbaute. Vivienne hob ihre- und seine Hand an, die unsichere Frage ließ ihn schmunzeln. Schließlich hielt seine Hand nur ihre, es war ja nicht so, dass sie übereinander her fielen. "Ich hab's ja kommen sehen",scherzte er dann, auf Viviennes ihm langsam näher kommende Hand anspielend. Die Zeit verging schnell mit Vivi, schneller als es Morris lieb war. Am liebsten hätte er diesen Moment für die Ewigkeit halten. Und dann krochen in ihm diese Schuldgefühle hoch, das er nicht da war, als Vivienne sich mit ihrer Clique verkrachte. Und irgendwie gab er sich auch die Schuld dafür. Ohne ihn wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Er ließ seinen Blick auf die Hände der beiden gleiten. "Tut mir leid das ich die letzten Tage nicht da war... ich hoffe du hattest nicht zu viel Ärger mit den Tussen...". Es war doch eigentlich total unsinnig sich schuldig zu fühlen. Er konnte schließlich nichts dafür. Und doch hatte er das Gefühl sie im Stich gelassen zu haben.  Und gleichzeitig stieg auch die Angst in ihm hoch, wie der Rotschopf reagieren würde, wenn sie erfahren würde was er versteckte. Er würde es ihr sagen. Wann wusste er noch nicht aber so fair wollte er sein, wenn das Vertrauen groß genug war, würde er mit offenen Karten spielen.


"Die menschliche Neugier ist durch nichts zu bremsen",kicherte Vivienne. "Ich wollte nur eben mal wissen, ob deine Haare weich sind. Sie sind zwar wild und zerzaust, aber man kann sie bestimmt schön durchwuscheln. Und hey,mach dir keine Sorgen. Ich weiß wie die ticken,ich komm damit schon zurecht. Zudem hattest du wohl selbst ein paar Probleme". Nun war das Thema wieder auf Mos Veilchen gelenkt. Aber schnell switchten ihre Gedanken zur Schule. "Was machen wir denn jetzt? Also...mit Sebastian,der Schule und allem?". Schwungvoll stand Vivienne auf und riss den Kleineren auf die Beine. "Ach ja,hab ich ganz vergessen dir zu sagen. Wir werden wohl eine Klassenfahrt machen.",Vivienne hätte in dem Moment nicht unbegeisterter aussehen können. Sie würde am liebsten hier am Strand beim Meer und bei Mo bleiben,isoliert von der Außenwelt. Isolation. Ihr fiel auf,dass Mo nicht mehr vor ihren Mauern stand, sondern direkt dahinter,mittendrin. Und so einfach würde sie ihn da auch nicht mehr rausschubsen können. Nein,das wollte Vivienne auch nicht mehr. Sie schritt ganz nah an die Brandung ran und hielt vorsichtig eine Hand ins Wasser. Sie wollte das Gefühl einfangen, wie es sich anfühlte, wie es roch, wie es sich anhörte, alles vom Meer wollte sie einfangen, bevor ihr wieder die Zeit fehlte, nochmal hierher zu fahren. Wehmütig ging sie Richtung Auto,es wurde Zeit, wieder zurück zu fahren. 



Morris schmunzelte erneut und zuckte dann mit den Schultern. "Ich glaub die sind eher strohig". Er fasste sich selbst in die vom Färben doch recht mitgenommenen Haare. Warum immer alle, mit denen er sich verstand seine Haare wuscheln wollten würde ihm allerdings ein Rätsel bleiben. Kurz darauf wurde er auch schon von einem Schwall Fragen überschwemmt und auf die Beine gezogen. Für seinen Kreislauf etwas zu schnell, sodass er kurz die Augen fest zusammenkneifen musste um nicht umzukippen. Das war eben das größte Manko an seiner Situation. "Was sollen wir schon machen". Die Augen noch immer geschlossen und die kühlen Finger an seiner Schläfe haltend versuchte er ihr zu antworten. "Ich werde das wie sonst auch immer halten. Ich werde die ignorieren und wenn sie mir dumm kommen muss ich mich halt wehren". Er öffnete seine Augen wieder und strich sich die Haare aus dem Gesicht. "Es sei denn du hast 'ne bessere Idee?". Ein Seufzen klang aus seiner Kehle und er klopfte sich das bisschen Sand von der Kleidung, das es auf die Decke geschafft hatte. "Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung was man am besten machen kann. An meiner alten Schule habe ich halt einfach radikal alles ignoriert", erneut ein Schulterzucken und Morris begann die Decke auszuklopfen und wieder zusammen zu legen. Sie sollten langsam los fahren, denn es wurde doch recht spät. "Klassenfahrt?". Einen Moment stoppte der Junge in seinen Bewegungen und wirkte fast schon besorgt. Klassenfahrten waren immer schon die Hölle für ihn gewesen. Die Diskussion mit den Lehrern wie die Zimmersituation gelöst werden würde, die Duschen, alles daran war jedes mal ein reinster Krieg gewesen. "Großartig", mehr als dieses monotone Wort gab er dazu nicht zum Besten und fummelte seinen Autoschlüssel aus seiner Hosentasche. "Du tust grad so als würdest du das Meer nie wieder sehen...". Sein Blick lag auf Vivienne und er lächelte matt. "Ich kann dich jeder Zeit her bringen... und zur Not nimmst du deinen Schulkram eben mit und lernst hier oder so". Ein Schulterzucken, dann wand er sich um, packte die Decke wieder in seinen Wagen und öffnete die Beifahrertür, gegen welche er sich dann leicht lehnte. Nachdem Vivienne  sich vom Meer lösen konnte und in den Wagen stieg, schloss Mo die Beifahrertür und nahm dann selbst auf dem Fahrersitz platz. Die Luft zwischen den beiden Schülern war voller Funken, doch die beide nicht sahen. Der Rückweg war mit Wehmut gefüllt und fühlte sich schneller an, als der Hinweg. Die beiden sprachen noch über dies und das, da war auch bald schon Viviennes Haus in Sicht. Morris verlangsamte den Wagen, sodass er letzten Endes vor dem Haus zum stehen kam. 


Sie machte sich gerade auf den Weg zu Viviennes Haus. Sie und der Rest der Clique waren noch nie bei Vivienne gewesen, sie sagte immer, dass ihr Vater tagsüber schlief und nachts arbeiten musste. Die anderen fanden das immer so spießig. Es dämmerte bereits,weshalb sie Schwierigkeiten hatte die Straßennamen zu lesen. Sie stand an einem Eckhaus welches von hüfthohen Büschen umzäunt war. Gerade wollte sie in Richtung Eingang gehen, als ein Auto um die Ecke preschte. Sie kannte dieses Auto noch nicht und blieb vorsichtshalber stehen. So ganz allein fürchtete sie sich doch. Mit der Clique war sie stark und fühlte sich unbesiegbar. Aus dem Auto stieg der neue Schüler aus, der so aussah wie ein Vollemo. Sie rümpfte leicht die Nase. Wie konnte man nur so rumlaufen. Aber viel wichtiger,was suchte der bei Vivis Haus? Sie versteckte sich leicht, sodass sie niemand sehen konnte, doch immer noch vollen Blick auf das Geschehen hatte. Der Schwarzhaarige ging einmal um das Auto rum und öffnete die Beifahrertür und aus stieg Vivienne. Das glaubte sie jetzt nicht. Vivienne schlug sich tatsächlich mit dem da rum. Eigentlich kam sie um sich bei Vivienne zu entschuldigen, doch was sie nun zu sehen bekam erhöhte enorm ihre Chancen in der Clique aufzusteigen. Gespannt beobachtete sie die beiden.


Die ganze Heimfahrt über konnte Vivienne ihre Finger nicht still halten. Sie kuschelte sich in Mos Jacke und ihre Hand fühlte sich noch immer warm an von der Hand des Anderen. Es lag eine solche prickelnde Anspannung in der Luft, dass die beiden ganz aufgeregt über dies und jenes redeten. Demnach ging die Fahrt auch so wahnsinnig schnell rum. Vivi stieg aus dem alten Auto, auch wenn alles in ihr sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte,dass der Tag vorbei ging. Mo hatte Recht, man bekam den Kopf am Meer wirklich komplett frei, weshalb sie sich keinerlei Gedanken um Sebastian machte, mit dem sie immer noch nicht Schluss gemacht hat.
Mo und Vivi standen sich nun gegenüber und sie schaute beschämt auf den Boden. "Mo,ich muss mich ganz herzlich bei dir bedanken. Das war der schönste Tag seit Langem. Vielen vielen Dank. Auch hier für.",sie schälte sich aus dem Mantel und gab ihm Mo wieder. Ihre Finger berührten sich und wieder machte sich an der Stelle, wo Haut auf Haut traf, dieses Kribbeln breit. Vivienne konnte es sich nicht zu verkneifen, ihre Hand in die von Mo zu schlingen. Sie sahen sich nun direkt an und jetzt,wo sie sich so nah waren,machte es Vivienne nichts mehr aus,dass Mo etwas kleiner war. Dieser kleine,schwarzhaarige Mensch machte sie gerade nur unglaublich glücklich. Sie hat das alles nicht kommen sehen. Noch heute morgen war alles so chaotisch. Mo verschwand einfach ein paar Tage spurlos und nun hatte sie ihn wieder. Sie blickte auf ihre Hände und auf ihre Lippen legte sich ein wunderschönes Lächeln. Mit der freien Hand strich sie sich die Haare hinters Ohr. "Danke",wisperte sie.


Morris stand vor Vivienne die etwas größer war als er, früher hatte ihn das immer angekotzt, dass er so klein war, doch heute hatte er sich daran gewöhnt, es gab Schlimmeres als klein zu sein. Vivienne gab ihm seinen Mantel wieder und erneut berührten sich ihre Hände. Und wieder lag diese Spannung in der Luft, die es schon fast schwer machten zu atmen. Als würde man etwas zerstören wenn man sich regte. "Kein Ding" ,winkte er den Dank ab und grinste auf diese Art wie er es immer tat. Was auch immer dieser Rotschopf da mit ihm tat, er hatte es nicht kommen sehen, und er hatte keine Möglichkeit mehr sich dem zu entziehen. Und dann war es als würde die Szenerie vor ihm in Zeitlupe ablaufen. Das Mädchen kramte ihren Schlüssel heraus und Mo lehnte sich etwas gegen die Hauswand, das Schloss der Haustür klickte leicht und der junge Mann hatte das Gefühl, er würde etwas ziehen lassen, dass er nie wieder bekommen würde und ohne darüber nachzudenken griff seine zierliche Hand nach dem Arm der etwas Größeren, hielt sie davon ab, in die Wohnung zu gehen. Morris zog sie etwas zu sich und einen Augenblick später legten sich Mos Lippen auf die der Rothaarigen. Irgend etwas in ihm hatte sich dagegen gewehrt, einfach so wieder zu fahren. Und in dem Moment als sein Kopf aussetzte und er die Rothaarige küsste, war es als würde in ihm selbst so viel passieren und doch hatte er das Gefühl sein Kopf war das erste mal seit Ewigkeiten wirklich frei. Frei von Gedanken, frei von Sorgen, frei von Allem. Sein Herz raste so schnell, dass er befürchtete,es würde bersten und kurz darauf löste er sich wieder von Vivienne. Langsam erst realisierend was er da gerade getan hatte. "Ich... ähm...". Er sah sie mit großen Augen an. Als hätte er sich erschrocken stammelte er unbeholfen einige Worte: "Ich hatte das Gefühl es zu bereuen, wenn ich das nicht getan hätte... entschuldige... ich ähm... sollte jetzt gehen".  Die Jacke festhaltend wand er sich von der Rothaarigen ab und ging zu seinem Wagen. Shit. Was hatte er da nur jetzt angetsellt? Wie sollte er ihr denn jetzt noch irgendwie in die Augen sehen können? In ihrer Gegend war es einfach so schwer zu denken, und er hatte das Gefühl selbst nicht Herr dessen zu sein was er sagte oder tat, verdammt. "Fuck!",sich in den Sitz seines Wagens sinken lassend legte er den Kopf kurz an sein Lenkrad, ehe er den Wagen startete. Ohne es zu merken, ohne die Chance zu haben sich irgendwie dagegen zu wehren war etwas in ihm dem Rotschopf völlig verfallen. "Dreck...".


Gerade als Vivienne sich verabschiedete und durch die Haustüre gehen wollte, ergriff sie etwas am Arm, riss sie sanft herum und plötzlich fand sie sich in einem Kuss mit Mo wieder. In ihrem Kopf drehte sich alles und sie hatte das Gefühl gleich in die Knie zu sacken. Vivienne konnte nicht glauben,was da passierte. Aber Gott,roch der Junge gut. Vivienne lehnte sich automatisch in den Kuss hinein und begann auch ihre Lippen im Rhythmus zu bewegen, doch der Andere löste sich viel zu schnell wieder von ihr. 
Mo stammelte unverständliche Worte, sie war leicht taub von dem Rausch, ihre Lippen bebten und alles wirkte so unwirklich. 
Letztendlich lies sie Mo ziehen ohne ein Wort zu sagen,zu fassungslos war sie. Auf wackeligen Beinen tapste sie ins Haus und schloss die Tür.


Sie glaubte gar nicht was sie da sah. So schnell sie konnte zückte sie ihr Handy um das ganze zu Filmen,was sich direkt vor ihren Augen abspielte. Vivi knutschte fremd. Was hatte dieser Typ nur mit ihr gemacht? Es musste bestimmt eine Gehirnwäsche gewesen sein,denn seit der auf der Schule war,verhielt sich Vivienne ganz komisch. Nachdem das Auto wegfuhr und die Rothaarige im Haus verschwand rief sie gleich ihre Freundinnen an,welche sich zusammen mit Sebastian in einem Clubhaus befanden. "Hey. Ich bin es. Ihr werdet nicht glauben, was ich gerade gesehen hab. Gib mir mal Sebo.". Das konnte sie nicht für sich behalten.

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