Mo beobachtete Vivienne eine Zeit lang und nickte schwach während er seine Kippen raus kramte. Als Vivienne ihn nach Zucker und Milch fragte schüttelte er den Kopf sachte und nahm dankend den Aschenbecher an. "Ich trink Kaffee nur schwarz" Ein leichtes Lächeln schlich sich über seine Lippen -was ihn wieder etwas kindlicher aussehen ließ;jedoch so unglaublich viel Persönlichkeit ausstrahlte, Persönlichkeit und Ehrlichkeit- als der Rotschopf sich zum Duschen erhob. Nach dem das Mädchen den Raum verlassen hatte,war es still im Raum, man hörte das knistern der verbrennenden Zigarette und das leise Ticken Mo's Armbanduhr. Bei ihm Zuhause war es selten so still. Meistens war die Luft stickig vor Stress und Streit. Er genoss diese Ruhe.
Ihre Haut klebte fürchterlich von den Süßgetränken und sie stank wie ein Penner.Schnell sprang sie unter die Dusche und drehte den Hahn auf.Es dauerte,bis das Wasser warm wurde.Sie begann zu zittern,doch als die Wärme ihren Körper übergoss,entspannte sie sich und auch ihre Muskeln taten es.
Vivienne wollte sich beeilen,doch es tat einfach so gut. Schnell schäumte sie ihre Haare und ihren Körper ein und wusch den Schaum wieder runter.Als sie aus der Dusche stieg,fiel ihr auf,dass sie sich gar keine frische Kleidung mit ins Bad genommen hatte.Das bedeutete,dass sie an der Küche vorbei musste.Und da saß immerhin Mo.Sie wickelte sich ein Handtuch um den Kopf und ein weiteres um den Körper.Nur war dieses viel zu klein,um wirklich bis zu ihren Knien zu gelangen.Leise tapste sie aus dem Bad heraus und schielte um die Ecke in die Küche rein um zu sehen,was Mo machte.
Mo aschte seinen Glimmstängel ab, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Er erkannte es schnell als Vivienne,welche im Handtuch eingewickelt,an der Tür stand. Er musste sich ein Lachen verkneifen, es sah wirklich zu lustig aus wie sie um die Ecke schielte. Wenn es nach Mo ginge, hätte sie auch einfach an ihm vorbei gehen können, das war schließlich nicht das erste mal das er sowas sah. Schmunzelt sah er auf seinen Kippenstummel. "Wenn du hier durch musst dann lauf eben durch ich schau auch nicht." Und selbst wenn er geschaut hätte, ganz recht gewusst was er mit ihr hätte anfangen sollen wusste er so oder so nicht.
''Okay,danke.'' hauchte Vivienne und rannte schnell an der Tür vorbei. In ihrem Zimmer atmete sie erleichter aus.Schnell zog sie sich ein T-shirt an,was genauso gut ein Kleid sein konnte und darunter eine Boxershort,immerhin wollte sie,auch wenn das Shirt lang genug war,nicht ganz nackt rumrennen.Sie löste das Handtuch von ihrem Kopf und lies ihre Haare einfach runterhängen und lufttrocknen. Sie schlich sich in die Küche,nahm sich ein Glas Milch und setzte sich wieder Mo gegenüber. Sie blinzelte Mo unsicher an und wusste im ersten Moment nicht,was sie sagen sollte.Sie schlürfte an ihrer Milch und leckte sich mit der Zungenspitze den Milchbart ab.''Ist der Kaffee okay oder zu stark?''
"Ist okay...zu starken Kaffee gibt's nicht" Mo lachte hell und stützte sich auf seiner Hand auf. "Ich muss ja noch bis halb 6 arbeiten und dann noch 'ne halbe Stunde Zwangsmittrinken mit meinem Chef" Er grinste noch leicht und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. Vivienne sah gut aus in diesen Schlafklamotten, ohnehin mochte der Junge natürliche Mädchen lieber,als diese aufgetakelten Tussen. "Ist der Gorilla von vorhin eigentlich dein Freund?"
Vivienne nickte.Sie nippte weiter an ihrer Milch,doch nun war es mehr ein Alibi,um nicht über Sebastian reden zu müssen. Um vom Thema abzulenken,kam sie auf Mo's Arbeitszeiten zu sprechen.''Du musst echt so lang arbeiten? Macht der Laden nicht um 4 Uhr zu? Puh,das wäre mir alles viel zu stressig.'' Vivienne seufzte und sofort entfloh ihr ein herzhafter Gähner.Sie wollte nicht,dass Mo wieder ging oder dass sie sich jetzt ins Bett legte.Sie sprach gerne mit dem Kleinen.Bei ihm fühlte sie sich anders als bei Sebastian.
Mo schien zu verstehen das Vivienne nicht darüber reden wollte. Er zuckte mit den Schultern "Na ja um 4 Uhr schmeißen wir die letzten Gäste raus und dann muss der Schuppen wieder aufgeräumt werden" Er besah seinen Kaffee "Wir haben ja keine Reinigungskräfte,das machen wir alles selbst... Aber so schlimm ist das eigentlich nicht und so finanziere ich mir das Auto und die Tattoos" Er lehnte sich gegen die Lehne und kramte wieder nach einer Kippe. "Du musst dich nicht wachhalten,ich kann auch fahren" ,lächelte er ehrlich.
Vivienne starrte Mo verdutzt an.Sie schluckte und wusste nicht recht,was sie sagen sollte.Dann stammelte sie:'' Nein...ehm nein.Bitte bleib.'' Sie schwieg.''Ich...nun ja,ich hab dich irgendwie gern um mich.Aber du musst ja auch wieder zur Arbeit,da wird es wohl klug sein,wenn du gehst.'' Vivienne versuchte mit den letzten Worten ihre kühle Fassade wieder hochzuziehen. Ihr war es unangenehm,so etwas zuzugeben. Zugeben,dass man jemanden gern hat,ihn vielleicht sogar braucht.Das konnte sie noch nie,deshalb war sie auch oft einsam,da sie den Menschen nie sagen konnte,was sie für sie fühlte.Sie starrte in ihr leeres Glas.
Mo winkte ab:"Ach was, 'ne SMS,dann ist das okay,wenn ich weg bleibe,ich hab sowieso noch freie Tage gut...." Er spürte wie unangenehm Vivienne das war, was sie sagte. Der Junge hatte ein gutes Gespür für so etwas, dennoch war er oft einfach ziemlich unbeholfen in zwischenmenschlichen Dingen. Er hatte nie viele Menschen um sich gehabt, er war eben Anders und dieses Anderssein machte Menschen oft einsam. "Ich hätte nicht gedacht,dass man sich mit dir so gut unterhalten kann" Er lächelte und hielt ihr die Kippenschachtel hin.
''Du musst dir keine Umstände machen,nur wegen mir.Wenn du gehst,dann versuch ich halt zu schlafen,oder dergleichen...'',so wirklich wusste Vivienne nicht,was sie sagen sollte. Sie seufzte erneut,stand auf und blickte zu Mo.''Lass uns ins Wohnzimmer gehen,da ist es gemütlicher.'' Sie schritt voran um Mo den Weg zu zeigen.Als sie sich gemütlich auf das Sofa setze und ein Knie anzog,wartete sie,bis sie in Mo's Augen blicken konnte.''Es hat noch niemand gesagt,dass man mit mir gut reden könnte.Man hat immer über mich geredet,oder an mir vorbei.Aber dass jemand sagt,dass man sich gut mit mir unterhalten kann,höre ich zum ersten Mal.Aber so unlogisch ist das auch nicht.Immerhin bin ich darin geübt,zu sagen,was andere hören wollen,ihnen zu gefallen.''Die letzten Worte flüsterte sie nur noch,in der Hoffnung,sie blieben ungehört.Vivienne schnappte sich die Decke und wickelte sie sich um die Schultern.
Mo setzte sich neben das Mädchen und schüttelte leicht den Kopf. "Wieso willst du den Leuten nach dem Mund reden?" Ja er hatte diesen Satz sehr wohl noch gehört. "Ich meine, was hast du davon? Klar leute 'mögen dich' aber sie mögen dich doch nur weil du ihnen Honig ums verlogene Maul schmierst. Ich hab das auch lange gemacht, aber es ist undankbar und wenn du jemanden brauchst weil es dir schlecht geht ist sowieso keiner da" Er sah auf seine Hände. "Na ja prinzipiell ist es deine Sache und ich will dir da nicht reinreden, aber ich meinte das mit dem reden nicht deswegen. Und ich mag Menschen die auch mal anderer Meinung sind... Und mir auch mal die Stirn bieten können" Er lächelte und rieb die kalten Hände aneinander. Wahrscheinlich war er ihr nun zu nahe getreten aber er war ein Mensch der immer sagte was er dachte. "Ich pass ja auch eher weniger ins Bild und ich bin mir klar das über mich nicht nur gut geredet wird aber naja lieber so als das ich mich selbst verrate..."
Vivienne schwieg und dachte über Mo's Worte nach.Doch sagte sie nichts.Sie wusste warum sie das tat:sie wollte nicht,dass es so wie früher ist.Sie hätte sagen können,sie habe ihre Gründe.Doch das tat sie nicht.Stattdessen sagte sie:''Was ich davon habe? Ich bin nicht mehr einsam. Wie du siehst,habe ich Freundinnen und einen Freund,der mich....liebt.Mein Vater ist die ganze Woche kaum da,weil er arbeitet und danach im Puff sein Geld aus dem Fenster schmeißt.Meine Mutter ist vor langer Zeit einfach abgehauen.Keine Ahnung wo sie ist.Ich habe Menschen um mich herum,die wenigstens so tun,als würden sie mich mögen und lieben...Wenn ich einsam bin,dann verschwinde ich in der Dunkelheit.Verstehst du? Dann höre ich auf zu existieren.'' Sie schluckte schwer. Sie starrte Mo's Hände an,die er sich rieb.''Ist dir kalt?''
Mo schüttelte sachte den Kopf. "Macht es dich nicht einsamer,wenn du in mitten von Menschen stehst die dich nicht einmal kennen und nur bei dir sind,weil du dich vesteckst?" Er sah das Mädchen an und schien zu überlegen. "Ich hab mich auch lange einsam gefühlt und tu's auch heute noch oft, vorallem weil ich immer in einen Raum komme-und genau weiß,ich bin anders. Dass ich da nirgendwo wirklich reinpasse;meine Eltern sind eigentlich auch ziemlich unfähig, aber gerade deswegen ist es mir wichtig, Menschen um mich zu haben,die mich kennen,die wissen wer ich bin und mich lieben für das,was ich bin" Er lachte leise "Okay meine Freunde sind schon so ein wenig assozial und total bescheuert,aber sie sind da,wenn es mir scheiße geht..." Er sah wieder das Mädchen an und fuhr sich fahrig durch die schwarzen Haare. "Ich würde dich halt gerne kennenlernen. Also dich-und nicht deine Rolle..."
Vivienne stockte der Atem.Wieder wurde sie sich schlagartig ihrer Einsamkeit bewusst und dieses Bewusstsein schmerzte sehr in ihrer Brust. Sie hatte einen dicken Kloß im Hals und konnte weder sprechen noch atmen.Sie verschränkte einfach ihre Arme auf ihrem Knie und versteckte dort ihr Gesicht.Die Kühle ihrer Arme tat an ihren heißen Wangen gut.Niemand zuvor war ihr so nah gekommen.Sie hatte keine Ahnung,wie sie nun reagieren sollte.Sie ging innerlich all ihre Standartantworten und Masken,doch keine passte mehr wirklich.Ein leiser Schluchzer entfuhr ihr,doch weinte sie nicht.Dafür waren ihre Mauern zu hoch-sie bildeten eine Art Staudamm für die Tränen,die sich wie ein Meer dahinter befanden.Sie hob den Kopf nur einen Millimeter und sah Mo mit nur einem Auge direkt an.Sie war müde und überfordert mit der ganzen Situation. Sie hauchte nur ein leises :''Okay'',heraus.
Mo bebachtete das Mädchen und war erleichtert,als er sah,dass sie nicht weinte. Er konnte gut nachvollziehen,wie es sich anfühlte,einsam zu sein und gefangen in einer Maske,einer Rolle, ohne eine Tür durch die man in die Freiheit gelangen konnte. "Ich denke,ich fahr auch langsam wieder..." Er steckte seine Kippen ein und blickte das Mädchen an. "Du siehst müde aus... Und ich muss früh raus..."
''Nein,warte.Du hast doch gesagt...ich meine,nur eine SMS,hast du gesagt und...'',sie seufzte.''Ist gut,sei vorsichtig.'' Nun war ihre Stimme resigniert.Sie stand auf und war im Inbegriff,Mo den Weg raus aus ihrer Wohnung zu zeigen. Vielleicht war sie ja wirklich müde,doch manchmal konnte die Traurigkeit nicht mal mehr von Müdigkeit unterscheiden. Und selbst wenn,was nützte es ihr,wenn Mo bliebe? Er könnte so nur noch mehr vordringen und ihre Mauern sogar einreißen. Und das wollte sie nicht. Sie wollte die kühle Distanz waren und sagte deshalb kein Wort mehr zu ihm.
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