Montag, 2. Juni 2014

Oo CHAPTER 10 oO In these Words

Nachdem die Klassenfahrt vorzeitig beendet wurde, versuchte jeder Schüler für sich dem Alltag wieder nachzugehen. Auch Vivienne versuchte die letzten Tagein denen sie wieder daheim war, immer und immer wieder Normalität walten zu lassen.
Die Turbolenzen die sie auf der Klassenfahrt mitmachen musste ließen ihre Mauern bis zum Grund einstürzen, was auch dazu führte, dass Vivi ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle hatte. 
Während Morris' Identität aufgedeckt wurde, hatte Vivienne ihre völlig verloren. Immer und immer wieder versuchte sie die einzelnen Bausteine ihrer Mauer zusammen zu setzen, doch keiner passte mehr auf den anderen. Sie war noch mehr in Gedanken als sonst, wirkte gar zerstreut.
In der Schule versuchte sie dem Unterricht zu folgen, doch ihre Augen hingen meist nur auf Mo. Die Pausen verbrachten sie nach wie vor rauchend am Schultor, doch es war so viel anders als damals. Vivienne bemühte sich, Mo so zu behandeln wie sie es sonst auch getan hatte, aber dieser wirkte sehr distanziert, was es ihr schwer machte, ihm nah zu sein oder einfach nur zu wissen, wie sie sich in seiner Gegenwart benehmen oder fühlen sollte. Auch wenn Mo ihre Entschuldigung angenommen hatte, so verfolgte Vivienne das Gefühl, dass noch immer etwas an dem Schwarzhaarigen nagte.


 Den ersten Tag nach der Klassenfahrt wieder zur Schule zu kommen, kostete Morris mehr Überwindung als er erwartet hatte. Er war einen kurzen Moment in der Überlegung gewesen einfach an der Schule vorbei zu fahren. Den Sieg wollte er allerdings keinem gönnen und so war er dann doch gegangen. Wirklich offene Angriffe hatte es nicht gegeben. Nur immer wieder mal, wurde ihm sein Geburtsname hinter her gerufen, selbst von Schülern die nicht in seinen Kursen waren, sowas sprach sich eben rum. Einige Schüler tuschelten wenn er an ihnen vorbei ging doch Morris war bemüht all das nicht an sich heran zu lassen, sie wussten es eben nicht besser. Sie kannten das alles wahrscheinlich nicht und es gab keinen der ihnen diese Sache erklärte. Dennoch wäre es gelogen zu sagen das es ihn nicht traf. Allerdings gab es auch einige Schüler die auf ihn zu kamen, mit ehrlichen Fragen, die er ihnen auch bereitwillig beantwortete. So hatte er auch schon die ein oder andere Person kennen gelernt, mit denen er sich in den Pausen auch immer wieder kurz unterhalten konnte. Diese Jugendlichen liefen zwar unter dem 'Stempel' Weirdos und Außenseiter, aber das war wohl das letzte was Morris interessierte. Er mochte gerade die Menschen die sich nicht anpassten denn meistens waren das auch die Tolerantesten. Ansonsten war es am meisten Spürbar das er nun geoutet war, doch das Verhalten seiner Mitschüler, mit denen er mehr zu tun hatte, die, in den selben Kursen waren. Die Mädchen behandelten ihn anders, und die Jungen eben auch. Es war so, als passe er nun auf keine Seite und würde irgendwie dazwischen stehen. Kein schönes Gefühl, doch er hatte auch schon schlimmeres Erlebt. Den Mädchen, die bei Sebastians Aktion dabei waren, versuchte Morris weitestgehend aus dem Weg zu gehen, nicht einmal weil er sauer war, es war mehr die Tatsache das er noch immer mit dieser Immensen Scham zu kämpfen hatte, die jedes mal wieder so brutal auf ihn einschlug wenn er diese Tussen sah. Vivienne und Morris standen wie auch vor der Klassenfahrt immer gemeinsam draußen am Tor und rauchten, dennoch war spürbar das keiner der beiden wirklich wusste wie sich nun zu verhalten war. Mo verließ das Gefühl nicht das Vivienne ihn anders behandelte, was dazu führte das er sich weiter distanzierte, was wiederrum wahrscheinlich der Grund war, das Vivi sich so verhielt wie sie es eben tat. Ein ätzender Kreislauf den keiner durchbrach. Noch nicht. Vielleicht wusste sie auch einfach nicht wie sie mit ihm umgehen sollte? Wieso fragte sie nicht einfach? Immer wieder wenn der Tattoowierte den Rotschopf ansah drehten sich seine Gedanken. Und wieso schaffte er es nicht, wieder so mit ihr zu reden wie vorher? Und wieso war er denn noch immer so sauer auf sie? Die Sache war doch geklärt. Langsam zog er seine Zigaretten aus der Tasche, bot Vivienne eine an und steckte sich dann selbst eine an. "Wen haben wir gleich?" Fragte er dann in das Schweigen hinein. Die Frage war eher rhetorisch, er wusste welchen Unterricht sie gleich hatten, aber der Rotschopf wusste ja nicht, dass er das wusste. Und er wollte einfach mit ihr reden. Egal worüber.


Wieder am Tor stehend und mehr oder minder gemütlich eine rauchend, war eine Konversation zwischen Mo und Vivi eher nur ein kläglicher Versuch. "Bei wem wir jetzt haben? Puh...ich glaube wir haben Englisch?! Ich muss zugeben ich weiß es nicht so richtig. Ich werde mich wohl überraschen lassen müssen." 
Noch immer beobachtete Vivienne Mo viel, aber nun eher um ihn einfach besser kennen zu lernen. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, wie Mo wohl als Monique aussehen würde, auch wenn sie ihn halbnackt in den Duschen gesehen hatte. Das was sie von ihm wusste passte nicht mehr mit dem Bild zusammen was sie sah. Verkleidete Mo sich nur? Wollte er sich unters Messer legen? Warum wollte er nicht mehr Monique sein? All diese Fragen plagten Vivi, gepaart mit all den Dingen und Vorwürfen, welche er ihr bei den Tischtennisplatten auf Klassenfahrt an den Kopf geworfen hatte. 
Vivienne musste oft daran denken, wie Mo war als sie sich das erste Mal im Club trafen. So nett und wirklich cool. Die hohe Stimme damals hat sie nicht stutzig werden lassen. Vivienne hatte den Jungen, den Mo darstellt wirklich so gern gehabt, dass ihr nichts aufgefallen war, keine Anzeichen, die sie hätten vorbereiten können auf den Schock, welcher dann doch heftiger eintraf als erwünscht.
Sie seufzte und riss sich selbst wieder aus den Gedanken und trat ihre Zigarette mit der Fußspitze aus.


 Das mit der Unterhaltung hatte ja wunderbar geklappt. Kurz holte Morris Luft, wollte etwas sagen, entschied sich dann aber doch dagegen. Er mochte diese Kälte nicht die zwischen ihm und Vivienne lag. Und er bereute es, ihr nicht früher die Wahrheit gesagt zu haben. Vielleicht wäre es dann anders zwischen ihnen? oder hätte sie dann auch so reagiert wie jetzt? Er hätte alles dafür gegeben einen Moment in ihren Kopf sehen zu können. Er hätte zu gern gewusst was sie dachte, wie sie ihn jetzt sah. Ob er für sie nach wie vor Morris war, oder ob sie ihn nun ewig als Monique sehen würde? Wobei Ewig ja auch eine Frage der Auslegung war, da der Tattoowierte sich dessen bewusst war, das er nur noch auf das offizielle Okay warten musste, dann könnte er endlich mit den Hormonen anfangen. Und wenn er das erstmal geschafft hatte, dann würde sich auch sein Äußeres noch ändern, dann wäre es für ihn leichter, den Alltag zu meistern. Die Pause verging und die beiden redeten nicht mehr wirklich viel. Nur immer wieder irgendetwas kurzes Belangloses. Nichts im Vergleich zu ihren Gesprächen vor der Klassenfahrt. Es war einfach zu viel passiert.
Dinge die man nicht einfach ungeschehen machen konnte.  Die restlichen Schulstunden vergingen ähnlich zäh und die Pausen waren nicht anders. Sie rauchten, und sie schwiegen sich an. Der Schulschluss war so schon fast eine Art Rettung. Relativ gelassen packte Morris seine Schulsachen ein. Er hatte schließlich Zeit. Draußen auf dem Schulhof kramte er seinen Schlüssel aus seinem Rucksack und ging zu den Parkplätzen. Vivi stand noch am Tor, sie war schon früher aus der Klasse verschwunden. Allerdings war es ebenso schon fast ein Ritual das sie nach der Schule noch eine rauchten, wie in den Pausen. "Soll ich dich mitnehmen?" Fragte der dunkelhaarige dann und spielte mit den Schlüsseln an dem Bund herum. Rauchen würde er jetzt keine, seit der Binder kaputt geschnitten wurde, musste er auf Folie zurückgreifen. Und die war nicht das Beste für Lunge und Rücken, so dass er ohne hin schlechter Luft bekam, und lieber mal auf eine Kippe verzichtete.


Vivienne überlegte länger darüber nach, als sie wollte. "Ich weiß nicht...ist das denn okay für dich?". Sie seufzte und blickte auf ihre Füße. "Ich glaube wir sollten reden. Und zwar richtig. Irgendwas ist doch mit dir. Es ist alles so seltsam und anders seit der Klassenfahrt."
Warum sagte sie das jetzt? Wieso musste Vivienne ausgerechnet jetzt ihre Gedanken laut aussprechen? Jetzt nahm er sie bestimmt nicht mehr mit. Vivienne kam einfach nicht auf ihre Gefühlswelt klar. Hinter den Mauern war immer alles stets ordentlich, dezent. Jetzt sah es in ihr aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Und so gesehen war es ja auch so gewesen. In dem Chaos stieg jedoch Entschlossenheit empor, sie würde nicht zulassen, dass ihre Freundschaft zu Mo so endete. Sie würde ihn einfach fragen wie sie mit ihm umzugehen habe, auch wenn sie das wohl eine Menge Überwindung kosten würde, denn eine Vivienne Gray wusste eigentlich alles, konnte alles -und wenn nicht, so lernte sie es sich eben an. Aber diese Vivienne war sie eben nicht mehr.


Vivienne überrumpelte Morris schon fast, er zog die Augenbrauen etwas hoch und zuckte dann mit den Schultern. "Okay" Er nickte angedeutet und schritt zu seinem Auto, öffnete die Fahrertür und lehnte sich dann daran, "Dann reden wir"  Das kahm für ihn zwar etwas plötzlich doch gelegen. Er wollte schließlich auch mit ihr über das alles reden, es war nur eine Frage der Zeit gewesen wann er sich ein Herz fassen würde, so musste er das allerdings zum Glück nicht mehr, jetzt wo sie den ersten Schritt gemacht hatte. Mo wartete bis Vivienne auch zum Auto gekommen war, öffnete ihr allerdings, wie in alter Manier, die Tür und stieg dann selbst in den Wagen ein.  Der Wagen machte ein, ungesund klingendes Geräusch als er gestartet wurde. "Scheiße" Murmelte der Tattoowierte leise. Wahrscheinlich würde die alte Schrottkiste nicht mehr lange laufen. Es sei denn er konnte den Fehler selbst finden und reparieren. Die Tage müsste er sich mal daran setzen, nicht das ihm der Wagen irgendwo verreckte. "Also?" Er sah an einer Ampel kurz zu Vivienne. Sie wollte reden, und all zu lange war die Fahrt nicht. "Willst du jetzt auf der Fahrt reden?" Sein Blick galt wieder vollkommen der Straße. Innerlich war er einfach nur so unglaublich erleichtert dass sie den ersten Schritt gemacht hatte.


Erleichtert stieg Vivienne in den Wagen ein, welcher aber seltsame Geräusche machte. Gespielt locker versuchte sie die Stimmung ein wenig zu entspannen "Na, Autochen? Du willst uns doch nicht unter unseren hübschen Ärschen wegrosten?" Sie kicherte nervös. "Was labere ich denn da?“, dachte sie sich während sie an einer ihrer wild zerzausten Strähnen spielte. "Wo fahren wir hin?“, fragte sie verwirrt, als Mo in eine ganz andere Richtung einlenkte. Es wäre ihr lieber gewesen er hätte nicht danach gefragt ob sie jetzt bereits im Auto reden wollten. Aus dem Fenster schauend schüttelte sie leicht den Kopf. Vivi musste erstmal ihre Gedanken sortieren und ihre mehr oder minder spontane Aktion für sich selbst begreifen. Aber an einen Rückzieher war nun nicht mehr zu denken.


Vivienne wirkte angespannt und Mo konnte das sehr gut verstehen. In ihm sah es ähnlich aus. "Ich muss kurz einen Umweg zu mir machen" Erklärte er ihr und tippelte auf dem Lenkrad rum. Irgendwo hatte er die Adresse von so einer billigen Autowerkstatt herum fliegen und nach dem er Vivi abgesetzt hatte wollte er dort mal vorbei schauen. "Hätte ich vielleicht sagen sollen, sorry" Je näher sie Mo's Elternhaus kamen umso größer wurden die Häuser. Die Auffahrten waren einheitlich gepflegt und es wirkte fast wie eine dieser Englischen gut betuchten Wohnsiedlungen. Und im Prinzip war es das auch. Nur teure Autos standen auf den Auffahrten und Mo's Schrott Karre passte da nun wirklich nicht rein. Wahrscheinlich so wie er selbst nicht dort hin passte, mit seinen meistens abgetragenen Chucks und zerrissenen Jeans. Allerdings wurde auch deutlich das seine Eltern Geld haben musste, um sich diesen Lebensstil leisten zu können. Der Tattoowierte hielt vor einem der Häuser an und zog den Schlüssel. Eigentlich hatte er ungern Besuch, doch seine Eltern waren nicht da also sah er zu Vivi "Willst du mit rein kommen? Ich muss eben n' Zettel suchen ich denke nicht das es lange dauert" Er öffnete die Wagentür und der Rotschopf stieg ebenfalls aus. Zusammen gingen sie auf das Schwarze Tor zu welches Mo aufschloss. Warum auch immer seine Eltern diesen Kitsch so toll fanden. Kurz danach wurde auch die Haustür geöffnet und sie standen in dem großen hellen Flur von dem aus man direkt in die große Amerikanische Küche sehen konnte die offen zum Wohnzimmer war. Die Wohnung wirkte fast schon steril und wie aus einem Katalog. An einer Wand hingen Kinderfotos, von Morris und seiner Schwester. Fotos auf denen er eben noch Monique war. "Willst du was trinken?" Achtlos warf er seinen Schlüssel auf den Küchentisch und wühlte in einem kleinen Berg Unterlagen der in einer Schublade war.


Vivi hatte keine Ahnung wo der Andere wohnte, umso überraschter war sie, dass es gar nicht weit von der Schule entfernt war. Als sie in eine Wohngegend fuhren, die eindeutig zeigte, dass die Besitzer Geld zu haben schienen, dachte sie noch keineswegs daran, dass Mo hier wohnen könnte. Umso größer war die Überraschung als er wirklich vor einem dieser schicken Häuser anhielt. Sie wollte nicht allein im Auto bleiben, deshalb entschied sie Morris zu folgen. Als sie das Haus betraten wirkte alles sehr offen und hell. Aber nicht wirklich freundlich, man bekam eher das Gefühl, in einem dieser sterilen Häuser zu stehen, die auch immer in diesen Magazinen abgebildet waren. Vorsichtig ging sie über die Schwelle und schaute sich um. Ihr fielen die Fotos an der Wand auf. Sie begutachtete sie und war wirklich erstaunt darüber, wie Mo damals ausgesehen hatte. "Ich wusste nicht, dass du eine Schwester hast.“, sagte sie während sie zum nächsten Bild überging. Sie musste sich eingestehen, dass Mo ein wirklich hübsches Gesicht hatte, auch als Mädchen. "Du sahst...wirklich süß aus.“, nuschelte sie in Richtung des Schwarzhaarigen. Die Gastfreundlichkeit von Mo war so beiläufig, dass Vivi fast nicht antwortete auf die Frage, ob sie was trinken wolle. "Ich also..ich mag dir keine Umstände machen, oder gar Unordnung. “Vivienne räusperte sich leicht und schämte sich im gleichen Atemzug für ihre eigene bescheidene Wohnung, die sie mit ihrem Vater bewohnte.


Morris fluchte kurz leise. Wo war denn dieser dämliche Zettel? Er wand sich kurz um, beobachtete Vivienne wie sie sich die Kinderfotos ansah. "Ja, sie ist 13" Stimmt, das er eine Schwester hatte, hatte er dem Rotschopf nie erzählt "Und everybodies Darling" Murmelte er eher zu sich, ziemlich leise. Jeder mochte seine Schwester. Sie war perfekt ohne es zu wollen. Sie war liebenswert, war gut in der Schule und ein Typisches Mädchen. Eben ganz anders als er. Auf Viviennes Kommentar dass der Junge süß ausgesehen hatte lachte er kurz. "Möglich, meine Mutter hat die wahrscheinlich nur da hängen weil sie hofft das ich wieder "normal" werde". Seine Mutter hatte früher immer sehr penibel darauf geachtet das er immer gepflegt aussah. Das er, als er eben noch ein Mädchen war, immer schöne Frisuren hatte, und auch sonst wie ein Typisches Mädchen aussah. Allerdings hielt das nicht lange. Schon vor der Grundschule hatte er sich das erste Mal die Haare kurz Schneiden lassen, seine Mutter war total dagegen gewesen, aber ließ ihn dann doch machen. Und ab da an trug er auch meistens nur noch Jeans. Mit 13 dann versuchte er es nochmal, durch das damals schon entstehende Mobbing, sich an zu passen, allerdings nur ein Jahr oder weniger, länger hatte er es nicht ausgehalten. Resigniert schloss Mo die Schublade und hielt sich die Hand kurz vor die Stirn. Er wusste er hatte den Zettel irgendwo hin getan, nur wo? "Du machst keine Umstände." Er lehnte sich gegen die Arbeitsfläche und beobachtete Vivi in ihren Bewegungen. Sie wirkte verdammt unsicher. Was sie wohl sagen wollte, wenn sie schon mit ihm redete? Er wollte nicht mehr so lange warten, um zu erfahren was in ihr vorging. "Worüber wolltest du reden?" Platzte es dann aus ihm heraus. 


"Schon 13? Sie sieht aus wie das Mädchen von Nebenan. „Vivi verzog leicht die Mundwinkel. Mo war so anders als seine Schwester. Ob ihm das auch zu Schaffen machte? Sie ging Richtung Küche und blieb mitten im Raum stehen, man traute sich kaum einen Schritt vor den Anderen zu machen, da es hier so sauber war.
Als Mo nachhakte, worüber sie nun reden wollten, seufzte sie schwer.
"Also...ich weiß es ehrlich nicht so recht. Ich hab nur gemerkt, dass sich so viel verändert hat. Und auf der Klassenfahrt hast du mir Sachen an den Kopf geworfen, die mir ziemlich nah gegangen sind. Ich will jetzt nicht sagen, dass es weh getan hab aber....", sie machte eine lange Pause, suchte einen neuen Ansatz. "Ich weiß nicht wie ich dich behandeln soll. Ich weiß nicht wer oder was du bist. Du bist mir so fremd geworden. Ich hab ja nicht mal gewusst, dass du in sowas hier wohnst.“ Vivienne drehte sich einmal um die eigene Achse und blieb dann an Morris' Augen hängen. Am liebsten würde sie jetzt einfach wieder gehen. Sie mochte solche Konfrontationen nicht sonderlich, was man ihr an ihrer Wortkargheit auch anmerkte.


Vivienne schien offensichtlich Angst zu haben im Haus irgendetwas dreckig oder Kaputt zu machen, was Morris schmunzeln ließ. Der Rotschopf öffnete wieder den Mund und beantwortete seine Frage. Sicher die Sachen die er ihr gesagt hatte waren nicht alle wirklich nett gewesen, aber er empfand es als richtig sich Luft zu machen. Der nächste Satz ließ ihn dann allerdings hörbar die Luft einziehen. "Ein Mann" Antwortete er dann, recht schnell, als würde er nicht einmal darüber nachdenken. "Ich bin derselbe Mann, den du in der Disko kennengelernt hast, der dich mit ans Meer genommen hat oder mit dem du vor der Schule geredet hast." Er hatte ihr wirklich nicht viel von sich erzählt, das war womöglich ein Fehler gewesen, aber er hatte einfach nicht das Gefühl das es von Bedeutung war, wo oder wie er lebte. "Und wieso denkst du dass du mich jetzt anders behandeln sollst nur weil ich jetzt geoutet bin?" Er sah kurz auf den Boden, und grinste dann leicht, unsicher wirkend. "Meine Transexualität definiert doch nicht wer ich bin. Es ist doch nur ein Teil von mir, aber ich bin doch nicht nur das?" Er war froh das Vivienne jetzt die Karten auf den Tisch legte und er hatte Verständnis dafür das sie nicht ganz wusste wie sie nun reagieren sollte. "Und ich weiß selbst nicht genau wie ich zu dir sein soll. Nach den Sachen die ich dir um die Ohren geknallt hab" Bei diesem Satz sah er den Rotschopf nicht an, es war ihm unangenehm was er gesagt hatte, und auch das er ihr durch die Blume gesagt hatte, was er für sie fühlte. "Ich hab einfach mal wieder schneller geredet als ich gedacht habe. Und, na ja, ich hab einfach in dem Moment nicht kapiert warum du so sauer warst auf mich, weil ich nicht das Gefühl hatte das ich etwas Falsches getan habe..." Und auch noch immer hatte er nicht das Gefühl etwas Verkehrtes getan zu haben. Dennoch war sein Verständnis für ihre Reaktion schon etwas mehr geworden.  "Na ja und wie ich wohne und das alles, hat sich einfach nie ergeben das wir drüber geredet haben. Und da das ganze meinen Eltern gehört... ich hab das einfach nicht als wichtig empfunden..."  Morris wand sich um und holte zwei Gläser aus einem der Hängeschränke und eine Cola aus dem Kühlschrank und stellte sie auf den Tisch, setzte sich dann auf einen der Stühle und lehnte sich gegen die Lehne. "Ich will nicht das, dass zwischen uns jetzt ewig so bleibt. Also. So angespannt. Das würde ich nicht aushalten. Und ich will nicht dass du mich anders behandelst. Ich mein, ich bin ja kein anderer Mensch geworden. Ich kann das verstehen wenn das jetzt für dich auch nicht mega leicht ist. Und ich kann auch verstehen das, wenn man das ganze nicht kennt, man sicher irgendwie überfordert ist. Aber glaub mir" Er lachte wieder leicht. "Das ist es für mich auch. Und wenn du irgendwas in deinem Kopf schwirren hast, frag mich einfach. Oder sag's mir. Ich reiß doch keinem den Kopf ab..." Er schenkte sich etwas Cola ein und strich sich dann die Haare aus dem Gesicht. "Ich hätte einfach früher ehrlich zu dir sein sollen. Und es tut mir leid dass ich das nicht war. Und ich bin grade auch einfach überfordert weil ich nicht weiß wie ich mit dir umgehen soll. Weil ich nicht weiß was du denkst, oder wie du mich jetzt siehst oder.. ach keine Ahnung" Er legte seinen Kopf kurz auf seinen Verschränkten Armen ab, hob ihn aber kurz darauf wieder. "Willst du nach allem überhaupt noch ne' Freundschaft...?"


Vivi war sehr froh, dass Morris so frei redete und ihr auch ganz klar sagte, dass er als Mann gesehen, angesprochen und behandelt werden möchte. Aber in der ganzen Zeit, in der Mo redete und erklärte, sich erneut entschuldigte, dachte Vivienne sich "Aber nein, das meine ich doch gar nicht. Stopp." Sie wollte Mo aber nicht unterbrechen, denn das was er sagte, interessierte sie auch. Er beantwortete damit ihre zweitrangigen Fragen zuerst. 
Sie ging auf ihn zu, legte eine Hand auf die Arbeitsfläche. Damit wollte sie ihre Scheu vor diesem sterilen Umfeld besiegen. "Mo, bitte hör mir zu. Es ist nicht das. Ich...ich komm schon irgendwie damit klar, dass du ein Mädchen bist. Du hast Recht, das ändert nichts an dir. Aber was mich wirklich beschäftigt sind die Dinge die du über mich und Sebastian gesagt hast. Es ist vorbei, ist wohl auch gut so. Ich meine...Mo, du hast...also, du hast...oh Gott, das ist so hart." Sie fasste sich an die Schläfe und wich seinen Blicken aus. Eine leichte Röte stieg ihr in die Wangen, denn das was sie sagen wollte, ging nicht einfach so an ihr vorbei. "Du hast gesagt, dass du Gefühle für mich entwickelt hast und...wie du dich in meiner Nähe fühlst und alles. Sag du mir doch, ob eine Freundschaft so noch möglich ist? Wie soll ich darüber denken, wie...wie soll ich dich ansehen? Wenn ich doch weiß, was es mit dir macht."
Leise vergoss sie eine einzelne Träne, welche sie aber schnell mit dem Handrücken wegwischte. Es war ihr alles so peinlich, aber erklären konnte sie es nicht. Ein Mädchen, was männlich sein wollte, hatte sich in sie verliebt, nachdem es sie angeschrien hatte, dass sie mit ihrem festen Freund Koitus vollzog. Das war alles mehr als seltsam.


Vivienne fasste auf die Arbeitsfläche und redete dann selbst, und diese Worte die sie dann formte, ließen Morris wieder dieses Fiebrige Gefühl ins Gesicht fahren. Nervös spielte er mit dem Kreuzanhänger seiner Kette herum. Scheiße. Wieso konnte sie das nicht einfach vergessen? "Kannst du das nicht einfach vergessen dass ich das gesagt hab?" Morris stützte seinen Kopf auf seiner Hand ab und blickte auf das Glas in welchem die Kohlensäure der Limo kleine Bläschen bildete. "Ich bekomm das schon hin" Er lachte kurz und sah weiter auf das Glas. "Das ist nicht der Weltuntergang, zumindest für mich, ich werde mich in deiner Nähe nicht anders verhalten als vorher auch... Okay so eine Nummer mit dem Kuss mach ich sicher nicht noch mal" Scherzte er leicht und zuckte dann mit den Schultern. "Ich würde gerne weiter eine Freundschaft mit dir aufrechterhalten, wenn du das möchtest Und was es mit mir macht ist doch nichts wirklich schlimmes" Seine Hand griff nach dem Glas und bewegte es etwas, so das dass Getränk schwach hin und her schwappte. "Du musst darauf keine Rücksicht nehmen. Und du musst dir darüber keine Gedanken machen. Das ist etwas, was ich mit mir selbst ausmachen muss, und auch kann" Klar ihm war das ganze ziemlich unangenehm, das er ihr das gesagt hatte, in seinem hitzigen Kopf, und das die Sprache nun darauf kahm. Aber für ihn war das eigentlich kein Problem, das die Freundschaft gefährdete, das war schließlich nicht sein erster 'Korb' und mit ziemlicher Sicherheit auch nicht sein Letzter. "Ich glaube, wehtun würde es mir wenn ich die Freundschaft jetzt geschrottet hab, dadurch das ich dir das gesagt habe, und wir uns jetzt aus dem Weg gehen... Aber so ist das eigentlich nicht das Problem." Das erste mal seit er sprach sah er nun hoch zu Vivienne, die das alles auch nicht ganz so kalt ließ. "Allerdings kann ich ja nur von mir sprechen. Ich weiß ja nicht was in deinem Kopf vor sich geht. Du musst wissen ob das für dich okay ist und du trotzdem eine Freundschaft willst, ob du dich trotzdem noch wohlfühlst wenn ich um dich herum schwirre. Wenn nicht, wäre es ziemlich schade, aber ich könnt's verstehen und akzeptieren" Der letzte Rest des Satzes war zwar eine glatte Lüge gewesen, denn es wäre hart für ihn das ganze zu Akzeptieren, aber er würde ihr schon keine Szene machen oder so. Es blieb ihm nichts anderes übrig als mit ihrer Antwort zu leben. Und wahrscheinlich, sah man ihm auch, so sehr er das zu verhindern versuchte, an das dieses Thema ihm mehr als unangenehm war.


Die Worte die Mo da wieder rausschleuderte, hinterließen auf Vivis Gesicht einen Ausdruck der Verwirrung. Sie verstand nicht was er ihr damit sagen wollte. Angestrengt grübelte sie nach, bis es ihr wie Schuppen von den Augen fiel. Mo dachte allen Ernstes, dass sie ihm einen Korb geben würde. Aber das wollte Vivienne mit ihrer Aussage keinesfalls rüber bringen. Sie musste kurz auflachen und schüttelte dann mit dem Kopf. Ihre Unterlippe zitterte leicht. Was Mo aber dann im nächsten Moment sagte, machte sie etwas traurig. Er würde den Kuss nicht mehr wiederholen? Das wollte sie nicht, auch wenn sie sich dessen noch nicht bewusst war. Ihre Zuneigung zu dem Schwarzhaarigen ist mit der Zeit größer geworden, aber auch das konnte Vivienne durch die ganzen Turbolenzen nicht realisieren. Ohne nachzudenken, ging sie auf Mo zu, legte sanft eine Hand auf seine Wange und sah in an "Ich will nicht, dass du gehst. Ich will nicht, dass du mein Kumpel bist. Mo, ich mag dich und ich weiß nicht was hier passiert. Es ist alles so neu für mich. Ich fühle mich wohl bei dir, ich kann einfach ich sein, ich fühle mich geborgen. Der Tag am Meer, die endlosen Pausen am Schultor. Ich will nicht, dass das aufhört." Sie lächelte Mo an und zog ihn leicht an sich ran, um ihn einen Kuss auf die Wange zu geben. Ihr Körper, ihre Taten und die Worte, die unbedacht aus ihrem Mund raus kamen, sagten mehr über ihre Gefühle für den Anderen aus, als sie es wahrhaben wollte. Sie konnte es bis jetzt noch nicht begreifen, aber ein Stück der alten, entschlossenen Vivienne war in dem Moment, als sie Mo küsste, wiedergekehrt.


Als der Rotschopf lachte schien Morris etwas irritiert zu sein, das Vivienne dann auf ihn zu kam und ihre warme Hand auf seine Wange legte, steuerte nicht grade dazu bei, seine Gedanken zu ordnen. Er blinzelte überrascht und ihre Worte zogen fast an ihm vorbei, doch er konzentrierte sich darauf, was Vivienne sagte. Sein Herz schlug wieder schneller, als es wahrscheinlich gut war, und seine Wangen nahm eine leichte röte an. Mo wurde relativ schnell rot, was ihn meistens störte, jetzt grade aber völlig egal war. Sie wollte ihn nicht als Kumpel, sie fühlte sich bei ihm geborgen? Er hatte mit allem gerechnet, doch nicht damit. Das war kein Korb. Ein Moment auf den er sich nicht vorbereitet fühlte. Sie kam ihm näher und küsste ihn auf die Wange. Als sie wieder einen Schritt zurück wich sah Mo sie an, mit einem Blick der ziemlich offensichtlich machte, wie irritiert er jetzt war. Seine Gedanken waren ein einziges Wirrwarr und er hatte keine Ahnung was er sagen sollte, was er tun sollte, was das jetzt bedeutete. Doch sein Herz machte einen Sprung und er öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn aber kurz darauf. Erst einige Augenblicke später brachte er ein "Aber... Ich dachte du..." Raus. Den Satz beendete er nicht, irgendwie wusste er auch nicht mehr wie. 


Jetzt lachte Vivienne richtig. "Oh Mo, denkst du ich verstehe das hier? Ich bin genauso durch den Wind wie du. Aber hey, wir bekommen das schon gerade gebogen?! Auch die Scheiße in der Schule bekommen wir geregelt. Das ist nicht an mit vorbei gegangen und noch bin ich Schulsprecherin und hab was zu sagen. Ich glaube, es wird alles gut." Mit jedem Wort, welches Vivi an Mo richtete, wurde sie mehr zu sich selbst.
Das Gespräch hatte ihr wahnsinnig geholfen, sie würde zwar nochmal darüber nachdenken müssen, aber ihre Entschlossenheit und Selbstsicherheit war zurück. 
"Du sag mal...hast du vielleicht Lust, nochmal mit mir ans Meer zu fahren? Morgen soll es schön werden...und ich dachte mir, damit könnten wir das Kriegsbeil begraben, oder so...“ Viviennes Herz klopfte. Fragte sie gerade nach einem Date? Sie wedelte sich mit der Hand Luft zu, um einen kühlen Kopf zu bekommen. "Ich sollte nach Hause. Und du solltest dich wieder auf die Suche nach dem Zettel machen, sonst bleiben wir morgen noch irgendwo stehen.“, kicherte sie. 
Nun nahm sie sich die Unverschämtheit raus, sich Mos Cola zu schnappen, sie leer zu trinken und ihn darauf hin die Zunge rauszustrecken. Das Gewitter schien sich verzogen zu haben.


Nun legte sich auf Mo's Gesicht dieses offene Lächeln und wirkliche Erleichterung. Irgendwie schien ihm gerade ein Stein vom Herzen gefallen zu sein. Vivienne hielt schon fast eine Rede das alles gut werden würde und in diesem Moment glaubte Mo das auch. Er wollte das glauben und nichts anderes war für ihn gerade wichtig. Der Sturm schien vorüber gezogen zu sein. Auf die Frage nach dem Meer nickte er. "Gerne.."  Der Gedanke wieder ans Meer mit ihr fahren zu können war einfach schon fast surreal nach allem was passiert war. "Klingt gut... Und ja, keine Ahnung wo der ist... Ich suche jetzt einfach irgendwo anders 'ne gute Autowerkstatt die günstig ist... Sonst muss ich halt selbst den Fehler finden..." Das letzte Mal hatte er sich dabei so fies die Hand verletzt das er da eigentlich drauf verzichten konnte. "Dann bring ich dich mal nach hause" Er schüttete sich noch etwas Cola ein und trank den kleinen Schluck aus, den Vivi ihm Quasi geklaut hatte. Die Fahrt war um einiges Gelassener und auch die Unterhaltungen waren fast wie vor der Klassenfahrt. Bei Viviennes Wohnung angekommen, stieg Mo wie immer mit aus. Er lehnte sich, so wie schon damals als er sie geküsst hatte leicht an die Backstein Mauer. Und irgendwie fühlte er sich jetzt gerade doch wieder etwas überfordert. Da er bis jetzt, immer nur einseitig irgendwelche Gefühle hatte, war das alles für ihn noch ziemlich ungewohnt, was man ihm in diesem Moment auch wirklich anmerkte. "Also dann bis Morgen" Verabschiedete er sich dann, mit dem ungewohnt freien Gefühl im Kopf, und als Vivi wieder in der Wohnung war, machte auch er sich auf den Weg.