Nachdem die Klassenfahrt vorzeitig beendet wurde, versuchte
jeder Schüler für sich dem Alltag wieder nachzugehen. Auch Vivienne versuchte
die letzten Tagein denen sie wieder daheim war, immer und immer wieder
Normalität walten zu lassen.
Die Turbolenzen die sie auf der Klassenfahrt mitmachen musste ließen ihre Mauern bis zum Grund einstürzen, was auch dazu führte, dass Vivi ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Während Morris' Identität aufgedeckt wurde, hatte Vivienne ihre völlig verloren. Immer und immer wieder versuchte sie die einzelnen Bausteine ihrer Mauer zusammen zu setzen, doch keiner passte mehr auf den anderen. Sie war noch mehr in Gedanken als sonst, wirkte gar zerstreut.
In der Schule versuchte sie dem Unterricht zu folgen, doch ihre Augen hingen meist nur auf Mo. Die Pausen verbrachten sie nach wie vor rauchend am Schultor, doch es war so viel anders als damals. Vivienne bemühte sich, Mo so zu behandeln wie sie es sonst auch getan hatte, aber dieser wirkte sehr distanziert, was es ihr schwer machte, ihm nah zu sein oder einfach nur zu wissen, wie sie sich in seiner Gegenwart benehmen oder fühlen sollte. Auch wenn Mo ihre Entschuldigung angenommen hatte, so verfolgte Vivienne das Gefühl, dass noch immer etwas an dem Schwarzhaarigen nagte.
Die Turbolenzen die sie auf der Klassenfahrt mitmachen musste ließen ihre Mauern bis zum Grund einstürzen, was auch dazu führte, dass Vivi ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Während Morris' Identität aufgedeckt wurde, hatte Vivienne ihre völlig verloren. Immer und immer wieder versuchte sie die einzelnen Bausteine ihrer Mauer zusammen zu setzen, doch keiner passte mehr auf den anderen. Sie war noch mehr in Gedanken als sonst, wirkte gar zerstreut.
In der Schule versuchte sie dem Unterricht zu folgen, doch ihre Augen hingen meist nur auf Mo. Die Pausen verbrachten sie nach wie vor rauchend am Schultor, doch es war so viel anders als damals. Vivienne bemühte sich, Mo so zu behandeln wie sie es sonst auch getan hatte, aber dieser wirkte sehr distanziert, was es ihr schwer machte, ihm nah zu sein oder einfach nur zu wissen, wie sie sich in seiner Gegenwart benehmen oder fühlen sollte. Auch wenn Mo ihre Entschuldigung angenommen hatte, so verfolgte Vivienne das Gefühl, dass noch immer etwas an dem Schwarzhaarigen nagte.
Den ersten Tag nach der Klassenfahrt wieder zur Schule zu
kommen, kostete Morris mehr Überwindung als er erwartet hatte. Er war einen
kurzen Moment in der Überlegung gewesen einfach an der Schule vorbei zu fahren.
Den Sieg wollte er allerdings keinem gönnen und so war er dann doch gegangen. Wirklich
offene Angriffe hatte es nicht gegeben. Nur immer wieder mal, wurde ihm sein
Geburtsname hinter her gerufen, selbst von Schülern die nicht in seinen Kursen
waren, sowas sprach sich eben rum. Einige Schüler tuschelten wenn er an ihnen
vorbei ging doch Morris war bemüht all das nicht an sich heran zu lassen, sie
wussten es eben nicht besser. Sie kannten das alles wahrscheinlich nicht und es
gab keinen der ihnen diese Sache erklärte. Dennoch wäre es gelogen zu sagen das
es ihn nicht traf. Allerdings gab es auch einige Schüler die auf ihn zu kamen,
mit ehrlichen Fragen, die er ihnen auch bereitwillig beantwortete. So hatte er
auch schon die ein oder andere Person kennen gelernt, mit denen er sich in den
Pausen auch immer wieder kurz unterhalten konnte. Diese Jugendlichen liefen
zwar unter dem 'Stempel' Weirdos und Außenseiter, aber das war wohl das letzte
was Morris interessierte. Er mochte gerade die Menschen die sich nicht anpassten
denn meistens waren das auch die Tolerantesten. Ansonsten war es am meisten
Spürbar das er nun geoutet war, doch das Verhalten seiner Mitschüler, mit denen
er mehr zu tun hatte, die, in den selben Kursen waren. Die Mädchen behandelten
ihn anders, und die Jungen eben auch. Es war so, als passe er nun auf keine
Seite und würde irgendwie dazwischen stehen. Kein schönes Gefühl, doch er hatte
auch schon schlimmeres Erlebt. Den Mädchen, die bei Sebastians Aktion dabei
waren, versuchte Morris weitestgehend aus dem Weg zu gehen, nicht einmal weil
er sauer war, es war mehr die Tatsache das er noch immer mit dieser Immensen
Scham zu kämpfen hatte, die jedes mal wieder so brutal auf ihn einschlug wenn
er diese Tussen sah. Vivienne und Morris standen wie auch vor der Klassenfahrt
immer gemeinsam draußen am Tor und rauchten, dennoch war spürbar das keiner der
beiden wirklich wusste wie sich nun zu verhalten war. Mo verließ das Gefühl
nicht das Vivienne ihn anders behandelte, was dazu führte das er sich weiter
distanzierte, was wiederrum wahrscheinlich der Grund war, das Vivi sich so verhielt
wie sie es eben tat. Ein ätzender Kreislauf den keiner durchbrach. Noch nicht.
Vielleicht wusste sie auch einfach nicht wie sie mit ihm umgehen sollte? Wieso
fragte sie nicht einfach? Immer wieder wenn der Tattoowierte den Rotschopf
ansah drehten sich seine Gedanken. Und wieso schaffte er es nicht, wieder so
mit ihr zu reden wie vorher? Und wieso war er denn noch immer so sauer auf sie?
Die Sache war doch geklärt. Langsam zog er seine Zigaretten aus der Tasche, bot
Vivienne eine an und steckte sich dann selbst eine an. "Wen haben wir
gleich?" Fragte er dann in das Schweigen hinein. Die Frage war eher rhetorisch,
er wusste welchen Unterricht sie gleich hatten, aber der Rotschopf wusste ja
nicht, dass er das wusste. Und er wollte einfach mit ihr reden. Egal worüber.
Wieder am Tor stehend und mehr oder minder gemütlich eine rauchend,
war eine Konversation zwischen Mo und Vivi eher nur ein kläglicher Versuch.
"Bei wem wir jetzt haben? Puh...ich glaube wir haben Englisch?! Ich muss
zugeben ich weiß es nicht so richtig. Ich werde mich wohl überraschen lassen
müssen."
Noch immer beobachtete Vivienne Mo viel, aber nun eher um ihn
einfach besser kennen zu lernen. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, wie Mo
wohl als Monique aussehen würde, auch wenn sie ihn halbnackt in den Duschen
gesehen hatte. Das was sie von ihm wusste passte nicht mehr mit dem Bild
zusammen was sie sah. Verkleidete Mo sich nur? Wollte er sich unters Messer
legen? Warum wollte er nicht mehr Monique sein? All diese Fragen plagten Vivi,
gepaart mit all den Dingen und Vorwürfen, welche er ihr bei den
Tischtennisplatten auf Klassenfahrt an den Kopf geworfen hatte.
Vivienne musste oft daran denken, wie Mo war als sie sich das
erste Mal im Club trafen. So nett und wirklich cool. Die hohe Stimme damals hat
sie nicht stutzig werden lassen. Vivienne hatte den Jungen, den Mo darstellt
wirklich so gern gehabt, dass ihr nichts aufgefallen war, keine Anzeichen, die
sie hätten vorbereiten können auf den Schock, welcher dann doch heftiger
eintraf als erwünscht.
Sie seufzte und riss sich selbst wieder aus den Gedanken und
trat ihre Zigarette mit der Fußspitze aus.
Das mit der Unterhaltung hatte ja wunderbar geklappt.
Kurz holte Morris Luft, wollte etwas sagen, entschied sich dann aber doch
dagegen. Er mochte diese Kälte nicht die zwischen ihm und Vivienne lag. Und er
bereute es, ihr nicht früher die Wahrheit gesagt zu haben. Vielleicht wäre es
dann anders zwischen ihnen? oder hätte sie dann auch so reagiert wie jetzt? Er
hätte alles dafür gegeben einen Moment in ihren Kopf sehen zu können. Er hätte
zu gern gewusst was sie dachte, wie sie ihn jetzt sah. Ob er für sie nach wie
vor Morris war, oder ob sie ihn nun ewig als Monique sehen würde? Wobei Ewig ja
auch eine Frage der Auslegung war, da der Tattoowierte sich dessen bewusst war,
das er nur noch auf das offizielle Okay warten musste, dann könnte er endlich
mit den Hormonen anfangen. Und wenn er das erstmal geschafft hatte, dann würde
sich auch sein Äußeres noch ändern, dann wäre es für ihn leichter, den Alltag
zu meistern. Die Pause verging und die beiden redeten nicht mehr wirklich viel.
Nur immer wieder irgendetwas kurzes Belangloses. Nichts im Vergleich zu ihren
Gesprächen vor der Klassenfahrt. Es war einfach zu viel passiert.
Dinge die man nicht einfach ungeschehen
machen konnte. Die restlichen Schulstunden vergingen ähnlich zäh und die
Pausen waren nicht anders. Sie rauchten, und sie schwiegen sich an. Der
Schulschluss war so schon fast eine Art Rettung. Relativ gelassen packte Morris
seine Schulsachen ein. Er hatte schließlich Zeit. Draußen auf dem Schulhof
kramte er seinen Schlüssel aus seinem Rucksack und ging zu den Parkplätzen.
Vivi stand noch am Tor, sie war schon früher aus der Klasse verschwunden.
Allerdings war es ebenso schon fast ein Ritual das sie nach der Schule noch
eine rauchten, wie in den Pausen. "Soll ich dich mitnehmen?" Fragte
der dunkelhaarige dann und spielte mit den Schlüsseln an dem Bund herum.
Rauchen würde er jetzt keine, seit der Binder kaputt geschnitten wurde, musste
er auf Folie zurückgreifen. Und die war nicht das Beste für Lunge und Rücken,
so dass er ohne hin schlechter Luft bekam, und lieber mal auf eine Kippe
verzichtete.
Vivienne überlegte länger darüber nach, als sie wollte.
"Ich weiß nicht...ist das denn okay für dich?". Sie seufzte und
blickte auf ihre Füße. "Ich glaube wir sollten reden. Und zwar richtig.
Irgendwas ist doch mit dir. Es ist alles so seltsam und anders seit der
Klassenfahrt."
Warum sagte sie das jetzt? Wieso musste Vivienne ausgerechnet
jetzt ihre Gedanken laut aussprechen? Jetzt nahm er sie bestimmt nicht mehr
mit. Vivienne kam einfach nicht auf ihre Gefühlswelt klar. Hinter den Mauern
war immer alles stets ordentlich, dezent. Jetzt sah es in ihr aus, als hätte
eine Bombe eingeschlagen. Und so gesehen war es ja auch so gewesen. In dem
Chaos stieg jedoch Entschlossenheit empor, sie würde nicht zulassen, dass ihre
Freundschaft zu Mo so endete. Sie würde ihn einfach fragen wie sie mit ihm
umzugehen habe, auch wenn sie das wohl eine Menge Überwindung kosten würde,
denn eine Vivienne Gray wusste eigentlich alles, konnte alles -und wenn nicht,
so lernte sie es sich eben an. Aber diese Vivienne war sie eben nicht mehr.
Vivienne überrumpelte Morris schon fast,
er zog die Augenbrauen etwas hoch und zuckte dann mit den Schultern.
"Okay" Er nickte angedeutet und schritt zu seinem Auto, öffnete die
Fahrertür und lehnte sich dann daran, "Dann reden wir" Das kahm
für ihn zwar etwas plötzlich doch gelegen. Er wollte schließlich auch mit ihr
über das alles reden, es war nur eine Frage der Zeit gewesen wann er sich ein
Herz fassen würde, so musste er das allerdings zum Glück nicht mehr, jetzt wo
sie den ersten Schritt gemacht hatte. Mo wartete bis Vivienne auch zum Auto
gekommen war, öffnete ihr allerdings, wie in alter Manier, die Tür und stieg
dann selbst in den Wagen ein. Der Wagen machte ein, ungesund klingendes
Geräusch als er gestartet wurde. "Scheiße" Murmelte der Tattoowierte
leise. Wahrscheinlich würde die alte Schrottkiste nicht mehr lange laufen. Es sei
denn er konnte den Fehler selbst finden und reparieren. Die Tage müsste er sich
mal daran setzen, nicht das ihm der Wagen irgendwo verreckte. "Also?"
Er sah an einer Ampel kurz zu Vivienne. Sie wollte reden, und all zu lange war
die Fahrt nicht. "Willst du jetzt auf der Fahrt reden?" Sein Blick
galt wieder vollkommen der Straße. Innerlich war er einfach nur so unglaublich
erleichtert dass sie den ersten Schritt gemacht hatte.
Erleichtert stieg Vivienne in den Wagen ein, welcher aber
seltsame Geräusche machte. Gespielt locker versuchte sie die Stimmung ein wenig
zu entspannen "Na, Autochen? Du willst uns doch nicht unter unseren hübschen
Ärschen wegrosten?" Sie kicherte nervös. "Was labere ich denn da?“,
dachte sie sich während sie an einer ihrer wild zerzausten Strähnen spielte.
"Wo fahren wir hin?“, fragte sie verwirrt, als Mo in eine ganz andere
Richtung einlenkte. Es wäre ihr lieber gewesen er hätte nicht danach gefragt ob
sie jetzt bereits im Auto reden wollten. Aus dem Fenster schauend schüttelte
sie leicht den Kopf. Vivi musste erstmal ihre Gedanken sortieren und ihre mehr
oder minder spontane Aktion für sich selbst begreifen. Aber an einen Rückzieher
war nun nicht mehr zu denken.
Vivienne wirkte angespannt und Mo konnte
das sehr gut verstehen. In ihm sah es ähnlich aus. "Ich muss kurz einen
Umweg zu mir machen" Erklärte er ihr und tippelte auf dem Lenkrad rum.
Irgendwo hatte er die Adresse von so einer billigen Autowerkstatt herum fliegen
und nach dem er Vivi abgesetzt hatte wollte er dort mal vorbei schauen.
"Hätte ich vielleicht sagen sollen, sorry" Je näher sie Mo's
Elternhaus kamen umso größer wurden die Häuser. Die Auffahrten waren
einheitlich gepflegt und es wirkte fast wie eine dieser Englischen gut
betuchten Wohnsiedlungen. Und im Prinzip war es das auch. Nur teure Autos
standen auf den Auffahrten und Mo's Schrott Karre passte da nun wirklich nicht
rein. Wahrscheinlich so wie er selbst nicht dort hin passte, mit seinen
meistens abgetragenen Chucks und zerrissenen Jeans. Allerdings wurde auch
deutlich das seine Eltern Geld haben musste, um sich diesen Lebensstil leisten
zu können. Der Tattoowierte hielt vor einem der Häuser an und zog den
Schlüssel. Eigentlich hatte er ungern Besuch, doch seine Eltern waren nicht da
also sah er zu Vivi "Willst du mit rein kommen? Ich muss eben n' Zettel
suchen ich denke nicht das es lange dauert" Er öffnete die Wagentür und
der Rotschopf stieg ebenfalls aus. Zusammen gingen sie auf das Schwarze Tor zu
welches Mo aufschloss. Warum auch immer seine Eltern diesen Kitsch so toll
fanden. Kurz danach wurde auch die Haustür geöffnet und sie standen in dem
großen hellen Flur von dem aus man direkt in die große Amerikanische Küche
sehen konnte die offen zum Wohnzimmer war. Die Wohnung wirkte fast schon steril
und wie aus einem Katalog. An einer Wand hingen Kinderfotos, von Morris und
seiner Schwester. Fotos auf denen er eben noch Monique war. "Willst du was
trinken?" Achtlos warf er seinen Schlüssel auf den Küchentisch und wühlte
in einem kleinen Berg Unterlagen der in einer Schublade war.
Vivi hatte keine Ahnung wo der Andere wohnte, umso überraschter war sie, dass es gar nicht weit von der Schule entfernt war. Als sie in eine Wohngegend fuhren, die eindeutig zeigte, dass die Besitzer Geld zu haben schienen, dachte sie noch keineswegs daran, dass Mo hier wohnen könnte. Umso größer war die Überraschung als er wirklich vor einem dieser schicken Häuser anhielt. Sie wollte nicht allein im Auto bleiben, deshalb entschied sie Morris zu folgen. Als sie das Haus betraten wirkte alles sehr offen und hell. Aber nicht wirklich freundlich, man bekam eher das Gefühl, in einem dieser sterilen Häuser zu stehen, die auch immer in diesen Magazinen abgebildet waren. Vorsichtig ging sie über die Schwelle und schaute sich um. Ihr fielen die Fotos an der Wand auf. Sie begutachtete sie und war wirklich erstaunt darüber, wie Mo damals ausgesehen hatte. "Ich wusste nicht, dass du eine Schwester hast.“, sagte sie während sie zum nächsten Bild überging. Sie musste sich eingestehen, dass Mo ein wirklich hübsches Gesicht hatte, auch als Mädchen. "Du sahst...wirklich süß aus.“, nuschelte sie in Richtung des Schwarzhaarigen. Die Gastfreundlichkeit von Mo war so beiläufig, dass Vivi fast nicht antwortete auf die Frage, ob sie was trinken wolle. "Ich also..ich mag dir keine Umstände machen, oder gar Unordnung. “Vivienne räusperte sich leicht und schämte sich im gleichen Atemzug für ihre eigene bescheidene Wohnung, die sie mit ihrem Vater bewohnte.
Morris fluchte kurz leise. Wo war denn
dieser dämliche Zettel? Er wand sich kurz um, beobachtete Vivienne wie sie sich
die Kinderfotos ansah. "Ja, sie ist 13" Stimmt, das er eine Schwester
hatte, hatte er dem Rotschopf nie erzählt "Und everybodies Darling"
Murmelte er eher zu sich, ziemlich leise. Jeder mochte seine Schwester. Sie war
perfekt ohne es zu wollen. Sie war liebenswert, war gut in der Schule und ein
Typisches Mädchen. Eben ganz anders als er. Auf Viviennes Kommentar dass der
Junge süß ausgesehen hatte lachte er kurz. "Möglich, meine Mutter hat die
wahrscheinlich nur da hängen weil sie hofft das ich wieder "normal"
werde". Seine Mutter hatte früher immer sehr penibel darauf geachtet das
er immer gepflegt aussah. Das er, als er eben noch ein Mädchen war, immer
schöne Frisuren hatte, und auch sonst wie ein Typisches Mädchen aussah.
Allerdings hielt das nicht lange. Schon vor der Grundschule hatte er sich das
erste Mal die Haare kurz Schneiden lassen, seine Mutter war total dagegen
gewesen, aber ließ ihn dann doch machen. Und ab da an trug er auch meistens nur
noch Jeans. Mit 13 dann versuchte er es nochmal, durch das damals schon
entstehende Mobbing, sich an zu passen, allerdings nur ein Jahr oder weniger,
länger hatte er es nicht ausgehalten. Resigniert schloss Mo die Schublade und
hielt sich die Hand kurz vor die Stirn. Er wusste er hatte den Zettel irgendwo
hin getan, nur wo? "Du machst keine Umstände." Er lehnte sich gegen
die Arbeitsfläche und beobachtete Vivi in ihren Bewegungen. Sie wirkte verdammt
unsicher. Was sie wohl sagen wollte, wenn sie schon mit ihm redete? Er wollte
nicht mehr so lange warten, um zu erfahren was in ihr vorging. "Worüber
wolltest du reden?" Platzte es dann aus ihm heraus.
"Schon 13? Sie sieht aus wie das Mädchen von Nebenan. „Vivi
verzog leicht die Mundwinkel. Mo war so anders als seine Schwester. Ob ihm das
auch zu Schaffen machte? Sie ging Richtung Küche und blieb mitten im Raum stehen,
man traute sich kaum einen Schritt vor den Anderen zu machen, da es hier so
sauber war.
Als Mo nachhakte, worüber sie nun reden wollten, seufzte sie
schwer.
"Also...ich weiß es ehrlich nicht so recht. Ich hab nur gemerkt,
dass sich so viel verändert hat. Und auf der Klassenfahrt hast du mir Sachen an
den Kopf geworfen, die mir ziemlich nah gegangen sind. Ich will jetzt nicht sagen,
dass es weh getan hab aber....", sie machte eine lange Pause, suchte einen
neuen Ansatz. "Ich weiß nicht wie ich dich behandeln soll. Ich weiß nicht
wer oder was du bist. Du bist mir so fremd geworden. Ich hab ja nicht mal gewusst,
dass du in sowas hier wohnst.“ Vivienne drehte sich einmal um die eigene Achse
und blieb dann an Morris' Augen hängen. Am liebsten würde sie jetzt einfach
wieder gehen. Sie mochte solche Konfrontationen nicht sonderlich, was man ihr
an ihrer Wortkargheit auch anmerkte.
Vivienne schien offensichtlich Angst zu
haben im Haus irgendetwas dreckig oder Kaputt zu machen, was Morris schmunzeln
ließ. Der Rotschopf öffnete wieder den Mund und beantwortete seine Frage.
Sicher die Sachen die er ihr gesagt hatte waren nicht alle wirklich nett
gewesen, aber er empfand es als richtig sich Luft zu machen. Der nächste Satz
ließ ihn dann allerdings hörbar die Luft einziehen. "Ein Mann"
Antwortete er dann, recht schnell, als würde er nicht einmal darüber
nachdenken. "Ich bin derselbe Mann, den du in der Disko kennengelernt
hast, der dich mit ans Meer genommen hat oder mit dem du vor der Schule geredet
hast." Er hatte ihr wirklich nicht viel von sich erzählt, das war
womöglich ein Fehler gewesen, aber er hatte einfach nicht das Gefühl das es von
Bedeutung war, wo oder wie er lebte. "Und wieso denkst du dass du mich
jetzt anders behandeln sollst nur weil ich jetzt geoutet bin?" Er sah kurz
auf den Boden, und grinste dann leicht, unsicher wirkend. "Meine
Transexualität definiert doch nicht wer ich bin. Es ist doch nur ein Teil von
mir, aber ich bin doch nicht nur das?" Er war froh das Vivienne jetzt die
Karten auf den Tisch legte und er hatte Verständnis dafür das sie nicht ganz
wusste wie sie nun reagieren sollte. "Und ich weiß selbst nicht genau wie
ich zu dir sein soll. Nach den Sachen die ich dir um die Ohren geknallt
hab" Bei diesem Satz sah er den Rotschopf nicht an, es war ihm unangenehm
was er gesagt hatte, und auch das er ihr durch die Blume gesagt hatte, was er
für sie fühlte. "Ich hab einfach mal wieder schneller geredet als ich
gedacht habe. Und, na ja, ich hab einfach in dem Moment nicht kapiert warum du
so sauer warst auf mich, weil ich nicht das Gefühl hatte das ich etwas Falsches
getan habe..." Und auch noch immer hatte er nicht das Gefühl etwas Verkehrtes
getan zu haben. Dennoch war sein Verständnis für ihre Reaktion schon etwas mehr
geworden. "Na ja und wie ich wohne und das alles, hat sich einfach
nie ergeben das wir drüber geredet haben. Und da das ganze meinen Eltern
gehört... ich hab das einfach nicht als wichtig empfunden..." Morris
wand sich um und holte zwei Gläser aus einem der Hängeschränke und eine Cola
aus dem Kühlschrank und stellte sie auf den Tisch, setzte sich dann auf einen
der Stühle und lehnte sich gegen die Lehne. "Ich will nicht das, dass
zwischen uns jetzt ewig so bleibt. Also. So angespannt. Das würde ich nicht
aushalten. Und ich will nicht dass du mich anders behandelst. Ich mein, ich bin
ja kein anderer Mensch geworden. Ich kann das verstehen wenn das jetzt für dich
auch nicht mega leicht ist. Und ich kann auch verstehen das, wenn man das ganze
nicht kennt, man sicher irgendwie überfordert ist. Aber glaub mir" Er
lachte wieder leicht. "Das ist es für mich auch. Und wenn du irgendwas in
deinem Kopf schwirren hast, frag mich einfach. Oder sag's mir. Ich reiß doch
keinem den Kopf ab..." Er schenkte sich etwas Cola ein und strich sich
dann die Haare aus dem Gesicht. "Ich hätte einfach früher ehrlich zu dir
sein sollen. Und es tut mir leid dass ich das nicht war. Und ich bin grade auch
einfach überfordert weil ich nicht weiß wie ich mit dir umgehen soll. Weil ich
nicht weiß was du denkst, oder wie du mich jetzt siehst oder.. ach keine
Ahnung" Er legte seinen Kopf kurz auf seinen Verschränkten Armen ab, hob
ihn aber kurz darauf wieder. "Willst du nach allem überhaupt noch ne'
Freundschaft...?"
Vivi war sehr froh, dass Morris so frei redete und ihr auch ganz
klar sagte, dass er als Mann gesehen, angesprochen und behandelt werden möchte.
Aber in der ganzen Zeit, in der Mo redete und erklärte, sich erneut entschuldigte,
dachte Vivienne sich "Aber nein, das meine ich doch gar nicht. Stopp."
Sie wollte Mo aber nicht unterbrechen, denn das was er sagte, interessierte sie
auch. Er beantwortete damit ihre zweitrangigen Fragen zuerst.
Sie ging auf ihn zu, legte eine Hand auf die Arbeitsfläche.
Damit wollte sie ihre Scheu vor diesem sterilen Umfeld besiegen. "Mo, bitte
hör mir zu. Es ist nicht das. Ich...ich komm schon irgendwie damit klar, dass
du ein Mädchen bist. Du hast Recht, das ändert nichts an dir. Aber was mich
wirklich beschäftigt sind die Dinge die du über mich und Sebastian gesagt hast.
Es ist vorbei, ist wohl auch gut so. Ich meine...Mo, du hast...also, du hast...oh
Gott, das ist so hart." Sie fasste sich an die Schläfe und wich seinen
Blicken aus. Eine leichte Röte stieg ihr in die Wangen, denn das was sie sagen wollte,
ging nicht einfach so an ihr vorbei. "Du hast gesagt, dass du Gefühle für
mich entwickelt hast und...wie du dich in meiner Nähe fühlst und alles. Sag du
mir doch, ob eine Freundschaft so noch möglich ist? Wie soll ich darüber denken,
wie...wie soll ich dich ansehen? Wenn ich doch weiß, was es mit dir
macht."
Leise vergoss sie eine einzelne Träne, welche sie aber schnell
mit dem Handrücken wegwischte. Es war ihr alles so peinlich, aber erklären
konnte sie es nicht. Ein Mädchen, was männlich sein wollte, hatte sich in sie verliebt,
nachdem es sie angeschrien hatte, dass sie mit ihrem festen Freund Koitus
vollzog. Das war alles mehr als seltsam.
Vivienne fasste auf die Arbeitsfläche
und redete dann selbst, und diese Worte die sie dann formte, ließen Morris
wieder dieses Fiebrige Gefühl ins Gesicht fahren. Nervös spielte er mit dem
Kreuzanhänger seiner Kette herum. Scheiße. Wieso konnte sie das nicht einfach
vergessen? "Kannst du das nicht einfach vergessen dass ich das gesagt
hab?" Morris stützte seinen Kopf auf seiner Hand ab und blickte auf das
Glas in welchem die Kohlensäure der Limo kleine Bläschen bildete. "Ich
bekomm das schon hin" Er lachte kurz und sah weiter auf das Glas.
"Das ist nicht der Weltuntergang, zumindest für mich, ich werde mich in
deiner Nähe nicht anders verhalten als vorher auch... Okay so eine Nummer mit
dem Kuss mach ich sicher nicht noch mal" Scherzte er leicht und zuckte
dann mit den Schultern. "Ich würde gerne weiter eine Freundschaft mit dir aufrechterhalten,
wenn du das möchtest Und was es mit mir macht ist doch nichts wirklich
schlimmes" Seine Hand griff nach dem Glas und bewegte es etwas, so das
dass Getränk schwach hin und her schwappte. "Du musst darauf keine
Rücksicht nehmen. Und du musst dir darüber keine Gedanken machen. Das ist etwas,
was ich mit mir selbst ausmachen muss, und auch kann" Klar ihm war das
ganze ziemlich unangenehm, das er ihr das gesagt hatte, in seinem hitzigen
Kopf, und das die Sprache nun darauf kahm. Aber für ihn war das eigentlich kein
Problem, das die Freundschaft gefährdete, das war schließlich nicht sein erster
'Korb' und mit ziemlicher Sicherheit auch nicht sein Letzter. "Ich glaube,
wehtun würde es mir wenn ich die Freundschaft jetzt geschrottet hab, dadurch
das ich dir das gesagt habe, und wir uns jetzt aus dem Weg gehen... Aber so ist
das eigentlich nicht das Problem." Das erste mal seit er sprach sah er nun
hoch zu Vivienne, die das alles auch nicht ganz so kalt ließ. "Allerdings
kann ich ja nur von mir sprechen. Ich weiß ja nicht was in deinem Kopf vor sich
geht. Du musst wissen ob das für dich okay ist und du trotzdem eine
Freundschaft willst, ob du dich trotzdem noch wohlfühlst wenn ich um dich herum
schwirre. Wenn nicht, wäre es ziemlich schade, aber ich könnt's verstehen und akzeptieren"
Der letzte Rest des Satzes war zwar eine glatte Lüge gewesen, denn es wäre hart
für ihn das ganze zu Akzeptieren, aber er würde ihr schon keine Szene machen
oder so. Es blieb ihm nichts anderes übrig als mit ihrer Antwort zu leben. Und
wahrscheinlich, sah man ihm auch, so sehr er das zu verhindern versuchte, an
das dieses Thema ihm mehr als unangenehm war.
Die Worte die Mo da wieder rausschleuderte, hinterließen auf
Vivis Gesicht einen Ausdruck der Verwirrung. Sie verstand nicht was er ihr
damit sagen wollte. Angestrengt grübelte sie nach, bis es ihr wie Schuppen von
den Augen fiel. Mo dachte allen Ernstes, dass sie ihm einen Korb geben würde.
Aber das wollte Vivienne mit ihrer Aussage keinesfalls rüber bringen. Sie
musste kurz auflachen und schüttelte dann mit dem Kopf. Ihre Unterlippe
zitterte leicht. Was Mo aber dann im nächsten Moment sagte, machte sie etwas traurig.
Er würde den Kuss nicht mehr wiederholen? Das wollte sie nicht, auch wenn sie
sich dessen noch nicht bewusst war. Ihre Zuneigung zu dem Schwarzhaarigen ist
mit der Zeit größer geworden, aber auch das konnte Vivienne durch die ganzen
Turbolenzen nicht realisieren. Ohne nachzudenken, ging sie auf Mo zu, legte
sanft eine Hand auf seine Wange und sah in an "Ich will nicht, dass du
gehst. Ich will nicht, dass du mein Kumpel bist. Mo, ich mag dich und ich weiß
nicht was hier passiert. Es ist alles so neu für mich. Ich fühle mich wohl bei dir,
ich kann einfach ich sein, ich fühle mich geborgen. Der Tag am Meer, die
endlosen Pausen am Schultor. Ich will nicht, dass das aufhört." Sie
lächelte Mo an und zog ihn leicht an sich ran, um ihn einen Kuss auf die Wange
zu geben. Ihr Körper, ihre Taten und die Worte, die unbedacht aus ihrem Mund
raus kamen, sagten mehr über ihre Gefühle für den Anderen aus, als sie es
wahrhaben wollte. Sie konnte es bis jetzt noch nicht begreifen, aber ein Stück
der alten, entschlossenen Vivienne war in dem Moment, als sie Mo küsste,
wiedergekehrt.
Als der Rotschopf lachte schien Morris
etwas irritiert zu sein, das Vivienne dann auf ihn zu kam und ihre warme Hand
auf seine Wange legte, steuerte nicht grade dazu bei, seine Gedanken zu ordnen.
Er blinzelte überrascht und ihre Worte zogen fast an ihm vorbei, doch er
konzentrierte sich darauf, was Vivienne sagte. Sein Herz schlug wieder
schneller, als es wahrscheinlich gut war, und seine Wangen nahm eine leichte
röte an. Mo wurde relativ schnell rot, was ihn meistens störte, jetzt grade
aber völlig egal war. Sie wollte ihn nicht als Kumpel, sie fühlte sich bei ihm
geborgen? Er hatte mit allem gerechnet, doch nicht damit. Das war kein Korb.
Ein Moment auf den er sich nicht vorbereitet fühlte. Sie kam ihm näher und
küsste ihn auf die Wange. Als sie wieder einen Schritt zurück wich sah Mo sie
an, mit einem Blick der ziemlich offensichtlich machte, wie irritiert er jetzt
war. Seine Gedanken waren ein einziges Wirrwarr und er hatte keine Ahnung was
er sagen sollte, was er tun sollte, was das jetzt bedeutete. Doch sein Herz
machte einen Sprung und er öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn aber
kurz darauf. Erst einige Augenblicke später brachte er ein "Aber... Ich
dachte du..." Raus. Den Satz beendete er nicht, irgendwie wusste er auch
nicht mehr wie.
Jetzt lachte Vivienne richtig. "Oh Mo, denkst du ich
verstehe das hier? Ich bin genauso durch den Wind wie du. Aber hey, wir
bekommen das schon gerade gebogen?! Auch die Scheiße in der Schule bekommen wir
geregelt. Das ist nicht an mit vorbei gegangen und noch bin ich Schulsprecherin
und hab was zu sagen. Ich glaube, es wird alles gut." Mit jedem Wort,
welches Vivi an Mo richtete, wurde sie mehr zu sich selbst.
Das Gespräch hatte ihr wahnsinnig geholfen, sie würde zwar
nochmal darüber nachdenken müssen, aber ihre Entschlossenheit und
Selbstsicherheit war zurück.
"Du sag mal...hast du vielleicht Lust, nochmal mit mir ans
Meer zu fahren? Morgen soll es schön werden...und ich dachte mir, damit könnten
wir das Kriegsbeil begraben, oder so...“ Viviennes Herz klopfte. Fragte sie
gerade nach einem Date? Sie wedelte sich mit der Hand Luft zu, um einen kühlen
Kopf zu bekommen. "Ich sollte nach Hause. Und du solltest dich wieder auf
die Suche nach dem Zettel machen, sonst bleiben wir morgen noch irgendwo stehen.“,
kicherte sie.
Nun nahm sie sich die Unverschämtheit raus, sich Mos Cola zu schnappen,
sie leer zu trinken und ihn darauf hin die Zunge rauszustrecken. Das Gewitter
schien sich verzogen zu haben.
Nun legte sich auf Mo's Gesicht dieses
offene Lächeln und wirkliche Erleichterung. Irgendwie schien ihm gerade ein
Stein vom Herzen gefallen zu sein. Vivienne hielt schon fast eine Rede das
alles gut werden würde und in diesem Moment glaubte Mo das auch. Er wollte das
glauben und nichts anderes war für ihn gerade wichtig. Der Sturm schien vorüber
gezogen zu sein. Auf die Frage nach dem Meer nickte er.
"Gerne.." Der Gedanke wieder ans Meer mit ihr fahren zu können
war einfach schon fast surreal nach allem was passiert war. "Klingt gut...
Und ja, keine Ahnung wo der ist... Ich suche jetzt einfach irgendwo anders 'ne
gute Autowerkstatt die günstig ist... Sonst muss ich halt selbst den Fehler
finden..." Das letzte Mal hatte er sich dabei so fies die Hand verletzt
das er da eigentlich drauf verzichten konnte. "Dann bring ich dich mal
nach hause" Er schüttete sich noch etwas Cola ein und trank den kleinen
Schluck aus, den Vivi ihm Quasi geklaut hatte. Die Fahrt war um einiges
Gelassener und auch die Unterhaltungen waren fast wie vor der Klassenfahrt. Bei
Viviennes Wohnung angekommen, stieg Mo wie immer mit aus. Er lehnte sich, so
wie schon damals als er sie geküsst hatte leicht an die Backstein Mauer. Und
irgendwie fühlte er sich jetzt gerade doch wieder etwas überfordert. Da er bis
jetzt, immer nur einseitig irgendwelche Gefühle hatte, war das alles für ihn
noch ziemlich ungewohnt, was man ihm in diesem Moment auch wirklich anmerkte.
"Also dann bis Morgen" Verabschiedete er sich dann, mit dem ungewohnt
freien Gefühl im Kopf, und als Vivi wieder in der Wohnung war, machte auch er
sich auf den Weg.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen